DANCE - Geschichte 1987 bis 2012

Ein Tanzfestival für München

1987 initiierten Brigitte von Welser und Bettina Wagner-Bergelt (damals Abteilung Musik, Theater, Tanz des Kulturreferates der LH München) das internationale biennale Tanzfestival DANCE als Eigenveranstaltung des Kulturreferats. Das Münchner Publikum hatte bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, sich mit dem internationalen Standard des zeitgenössischen Tanzes vertraut zu machen. Vereinzelte herausragende Gastspiele in der Alabama Halle bildeten Oasen in einer Wüste. Entsprechend gaben die ersten beiden Veranstaltungsserien (in Verbindung mit NEW DANCE im Marstall, das nach Ausscheiden seines Initiators Walter Haupt ebenfalls von Bettina Wagner-Bergelt kuratiert wurde) einen Schwerpunkt zum Postmodern Dance in den USA einen ersten systematischen Überblick über die Tanzentwicklung von den zwanziger Jahren bis in die Gegenwart – anhand von Gastspielen von William Forsythe und dem Ballett Frankfurt, europäischer und amerikanischer Kompanien wie den Minimalisten Anne Teresa de Keersmaeker/Rosas und Group Krisztina de Chatel, den Ensembles von Wim Vandekeybus, Merce Cunningham, Trisha Brown, der Alwin Nikolais Dance Company, Steven Petronio Company und Bill T. Jones, Gastspielen zu den Konzepten der mechanischen Bauhausbühne (Schmid, Moholy–Nagy,) u.a. mit den Schlemmer-Tänzen mit Gerhard Bohner sowie u.a. mit Trisha Brown und der Lucinda Childs Dance Company. Verantwortlich für Programmkonzeption und Realisierung war 1987 und 1989 Bettina Wagner-Bergelt (1989 Mitarbeit Hortensia Völckers).

 

Komplexe Konzepte der 90er Jahre

Mit Martin Bergelt und Hortensia Völckers erhielt das DANCE Festival 1991 eine differenzierte thematische Ausrichtung und Ausweitung: Zum ersten Mal waren viele Münchner Veranstalter und auch Sponsoren beteiligt, das Programm erlangte – noch entschieden mehr als zuvor – durch Kooperationen, umfangreiche und hochkarätige Anthologien und Publikationen zum Festival-Thema, Ausstellungen (u.a. mit Arbeiten von Jenny Holzer), Filmreihen, Symposien und vor allem genreübergreifenden Produktionen von Reza Abdoh, Saburo Teshigawara, LaLaLaHuman Steps, Trisha Brown, Neuer Tanz Wölfl/Golonka, Jan Fabre, Stelarc und anderen internationalen Avantgarde-Vertretern wegweisendes Niveau.

Zum ersten Mal gab es ab 1991 unter der künstlerischen Leitung von Völckers & Bergelt wissenschaftliche Rahmenthemen, die weit über eine tanzimmanente Fragestellung hinausgingen und die Martin Bergelt in den begleitenden Publikationen des Hanser Verlags wissenschaftlich aufarbeitete. Während DANCE 1991 unter dem Motto „Zeit - Räume“ stand, ging es in DANCE 93 um den dialektischen Zusammenhang der beiden Pole „Ordnung und ZerStörung“. Damals wurde in einigen höchst spektakulären Produktionen vorgeführt, dass und wie es jungen, noch wenig bekannten Choreografen um das Sichtbarmachen von Aggression und Emotion ging – als einer Reaktion auf die als zynisch empfundene Reduktionsformel: Kultur ist gleich Kommunikation und/oder Unterhaltung. DANCE ’95 (ebenfalls künstl. Leitung: Martin Bergelt/Hortensia Völckers) beschränkte sich mit dem Thema „körper formen“ nicht etwa auf den Tanzkörper und die klassische Bedeutung der Choreografie, sondern suchte den Weg zu innovativen Techniken und damit zu neuen Körperformen.

Mit der den heutigen allgemeingesellschaftlichen Diskurs vorwegnehmenden Themengestaltung und der Präsentation der aktuellsten Produktionen der internationalen Tanz-Theater-Avantgarde hatten Völckers & Bergelt DANCE endgültig als ein überregional anerkanntes Konzeptfestival moderner Prägung durchgesetzt. Danach entstand ein Bruch in der Konzeption und DANCE 98 wurde ein Themenfestival zum 50. Geburtstag der Gründung Israels. Spielart vertrat im folgenden die genre-übergreifende Konzeption von DANCE, allerdings mit Schwerpunkt Sprechtheater im weitesten Sinn.

 

Themenfestivals

Unter erheblichem Zeitdruck und mit reduzierten finanziellen Mitteln musste sich angesichts der Geburtstagsfeierlichkeiten Israels DANCE 1998 unter der Leitung von Cornelia Albrecht mit der Frage beschäftigen, welchen Anteil an der jüngsten Tanzentwicklung und Ausgestaltung jüdische Künstler in Israel und im internationalen Kontext hatten. Es gastierten erstmals Ohad Naharins Batsheva Dance Company, Kibbutz Dance aus Israel und Galili Dance aus den Niederlanden in München. Im März 2000 folgte unter der künstlerischen Leitung von Gabriele Naumann DANCE 2000, das Fragen von Interkulturalität und globalem Austausch von Ideen und Konzepten ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Mit seinem Schwerpunkt auf nicht-europäischen Arbeitsformen bot das Festival den Rahmen zu einer Auseinandersetzung über lokale und regionale Grenzen hinaus. Es hatte mit seinem zumeist außereuropäischen Programm einen ungeheuren Besucheransturm.

Im Oktober/November 2002 veranstaltete die Landeshauptstadt München DANCE zum achten Mal. Das Motto des Programms, das wieder von Cornelia Albrecht zusammengestellt wurde, lautete nun "Die Spur auf den Dingen" und suchte wieder Berührungspunkte mit anderen Kunstrichtungen. Dazu bot das Festival durch sein Begleitprogramm die Möglichkeit zum unmittelbaren Kontakt und Gedankenaustausch mit den Gästen. Der Schwerpunkt "Zeitgenössischer Tanz aus Québec" bot einen Einblick in die regionale Szene der frankophonen Region Kanadas. Höhepunkte waren wie schon in vorherigen Festivals u.a. die Vorstellungen von Gruppen wie der Merce Cunningham Dance Company, Lalala Human Steps aus Montréal, Neuer Tanz/VA Wölfl’s Bilderrätsel "Greenspans Aktentasche". Außerdem Frederic Flamands Charleroi Danse/Plan K mit "Moving Target", John Jasperses "Giant Empty", das Hans Hof Ensemble mit "Bureau", Gilles Jobins "Under Construction" sowie die Beiträge von Sol Pico, Chris Ziegler/Imlata Dance, La Ribot und Daniel Leveillé Danse.
 

Weiterer Ausbau der Netzwerke

Nahezu alle Projekte von DANCE entstanden in enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichen internationalen und lokalen Institutionen und Organisationen. Es war und ist ein Wesenszug von DANCE, sich in einem Netzwerk von nachhaltigen Kooperationen mit kulturellen Institutionen und Kräften in München partnerschaftlich zusammenzutun. Dazu gehört eine schon traditionelle Unterstützung bzw. Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, dem Bayerischen Staatsballett, (das traditionell fast zu jeder DANCE Ausgabe eine Produktion beisteuerte: Ohad Naharin, VA Wölfl/Neuer Tanz, Jean Luc Ducourt, Toni Rizzi, Nacho Duato) und dem Staatstheater am Gärtnerplatz, der Ludwig-Maximilians-Universität, der Stadtbibliothek, dem Gasteig, der Muffathalle, den in München ansässigen Kulturinstituten, E.on Energie, Joint Adventures und vielen anderen.
 

Repräsentation und Experiment

Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hat nicht schlagartig, aber doch deutlich beschleunigt neue Themen aufgebracht: Globalisierung ist das zentrale Stichwort, das die Welt nachhaltig verändert und die Menschen tief verunsichert. Flüchtlingsströme, Ansteigen der Armut auch in den reichen Industrienationen unter anderem durch die weltweite Wirtschaftskrise bringen gesellschaftliche Widersprüche radikaler an die Oberfläche denn je.  Die Notwendigkeit zur Überprüfung unserer wichtigsten Ziele Wachstum und Profitmaximierung kann niemand mehr leugnen. Korrekturen des Prinzips: Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Verlusten sind dringender denn je, denn es bringt Volkswirtschaften an den Rand des Ruins und stört immer mehr den sozialen Frieden.

Tanz – wie Kunst überhaupt – kann und soll diese Themen nicht behandeln, aber zunehmend setzen sich Choreografen/Innen mit den impliziten Konsequenzen im menschlichen Miteinander und im Denken von Zukunft  auseinander. GegenWelten hieß deshalb das Festival DANCE 2008, wieder unter der Leitung von Bettina Wagner-Bergelt, und es ging der Frage nach, wie künstlerische GegenWelten beschaffen sind, auf welchen Prinzipien sie aufbauen und welche Visionen sie mit welchen künstlerischen Mitteln beschwören. Das Festival war ein Plädoyer für leidenschaftlichen, lebendigen und teilweise auch unterhaltsamen, repräsentativen Tanz.

Die Frage, welche TIME CODES unser Leben bestimmen, war ein zentrales Thema der ebenfalls von Bettina Wagner-Bergelt kuratierten Ausgabe 2010: Wie integrieren Choreografen die digitalen Medien in ihre Arbeit? Wie gehen sie mit Musik, Sprache, Raum und Körper in der zeitgenössischen Choreografie um? Welche Bedeutung hat das Phänomen der Piraterie in unserer Gesellschaft? Wem „gehören“ Erfindungen und Ideen? Darf man Wissen als notwendigen gesellschaftlichen „Treibstoff“ bunkern, oder gibt es eine Verpflichtung zum Teilen?  Weitere Themenkomplexe von DANCE 2010: der menschliche Körper als Speicher von „Time Codes“, als physisches Symbol für das kulturelle Verständnis einer Zeit und einer Gesellschaft, Aspekte einer ganz anderen kulturellen Welt der „Körpererfahrung“, die Frage, welchen Körper unsere Gesellschaft braucht, um zu funktionieren.
 

Die Frage nach der Relevanz von zeitgenössischem Tanz und seiner optimalen Förderung

Das Profil von DANCE wurde 2012 unter dem Leitungsduo Dieter Buroch und Nina Hümpel weiterentwickelt. DANCE 2012 fand an prominenten Spielorten statt und zeigte herausragende Choreographen/innen aus der ganzen Welt. Es förderte den Diskurs um neue Darstellungsformen im gesellschaftlichen Kontext und präsentierte internationale Positionen zeitgenössischer Tanzkunst in München. Es hat dem Publikum Produktionen vorgestellt, die eine qualitätsorientierte Auswahl internationaler Tanzplattformen darstellen. Als besonders wichtig für die Stadt erwies sich der von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Flandern-Schwerpunkt des Festivals "Vom Säen und Ernten". Dieser hat die Qualitätsdebatte um zeitgenössische Ästhetik und der damit verbundenen Frage nach einer zeitgemäßen kulturpolitischen Förderung und einer aktuellen Form der Ausbildung für  Tanz grundsätzlich zur Sprache gebracht.

DANCE 2012 gelang es, den zeitgenössischen Tanz jenseits des Fachpublikums an eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln. Damit gelang es auch, das Image von München als Stadt des zeitgenössischen Tanzes aufzuwerten. Dies waren die wichtigsten Ziele, die die Stadt mit diesem Festival verbunden hatte. Das Festival wurde zum Publikumserfolg. Der Erfolg beim Publikum war einem inhaltlich profilierten Festivalprogramm geschuldet, das auch jenseits des diskursiven Rahmens auf die sinnliche Aussagekraft der Tanzstücke selbst setzte. Verbindende Klammer war die Qualität. Die gegenwärtige Entwicklung des internationalen zeitgenössischen Tanzes wurde widergespiegelt und durch neue Formate engagiert und erfolgreich vermittelt. Darüber hinaus wurde München als herausragende Gastgeberin für die Künstler/innen und das Publikum präsentiert, prominenten Veranstaltern/innen und Programmateuren/innen die geeignete Plattform zum Networking geboten. Damit wurden die für das Kulturreferat wesentlichen Schritte zur Weiterentwicklung des Festivalprofils eingeleitet.

In der Folge wurde DANCE allein von Nina Hümpel kuratiert - mit künstlerischer Beratung durch Dieter Buroch. Nach 2012 konnte das Festival erfolgreich vom Spätherbst in den Frühling verlegt werden, weshalb die folgende Ausgabe erst im Mai 2015 stattfand. Ziel der Verlegung war eine Neupositionierung im europäischen Festivalkalender. Nun konnten internationale Neuproduktionen schon zu Beginn der Festivalsaison nach München eingeladen werden und bei wärmeren Temperaturen auch der öffentliche Raum als Spielfläche genutzt werden.

Das Programm von DANCE 2015 stand nicht explizit unter einem thematischen Schwerpunkt. International bekannte Künstler*innen sowie neue Talente aus aller Welt waren nach München geladen, um die aktuellsten Tanzströmungen zu präsentieren - von virtuosen Tanztechniken über Tanztheaterstücke bis zu konzeptionellen Choreografien. Ein Fokus lag auf interdisziplinären Arbeiten, die das Ineinandergreifen verschiedener Genres zeigten und Einfluss sowie Innovationskraft von Tanz und Choreografie auf andere Kunstsparten verdeutlichten.
Auch 2015 kooperierte DANCE wieder eng mit bedeutenden Partnern der Münchner Kulturszene, z. B. den Münchner Kammerspielen, dem Residenztheater, dem Bayerischem Staatsballett, mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz oder der Schauburg – Theater der Jugend.

Mit über 9.500 Besucher_innen in 44 Aufführungen verzeichnete DANCE 2015 einen neuen Besucherrekord und schreibt damit eine Erfolgsgeschichte fort, die den Ruf Münchens als international bedeutenden Tanzstandort aufwertet und große Aufmerksamkeit der globalen Tanz-, Performance- und Kunstszene auf sich zieht.