Freitag, 12.05.17

Minutemade Peisl

Proben, Blicke: Nicole Peisl / Minutemade for DANCE

Ein früher Probenbesuch bei Nicole Peisl, die bei DANCE nicht nur ihre Stücke „Vielfalt I“ und „Vielfalt II“ zeigt, sondern mit der Kompanie des Gärtnerplatztheaters auch das Format Minutemade erforscht: ein Zeitrahmen von einer Woche, lauter Tänzer*innen, die sie noch nicht kennt, und am Ende wird es etwas zu sehen geben. Da ist die Stimmung am zweiten Probentag intim und fragil, Entscheidungen müssen noch getroffen werden. Draußen blühen die Kirschen und im Ballettsaal der Augenkontakt. Wie aufregend.

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Es wird ein Wir geben in diesem Raum. Nicole Peisl (in Taubenblau, mit den Schwalben auf der Brust) etabliert zu aller erst eine Art „awareness practice“: die Tänzer*innen sollen ein differenziertes, sensibleres Gefühl für sich selbst im Raum und für die Beziehungen untereinander bekommen. 

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Nach knapp einer Stunde ist der Raum aufgeladen, sind die Verbindungslinien zwischen den Tänzer*innen fast körperlich spürbar. Nach dem Prinzip der „Situated Practice“ folgen sie einer inneren, fast ekstatischen Bewegungslogik, ganz individuell und jede*r für sich, aber mit dem Gefühl dafür, was um sie herum geschieht. Die eigene Hand schlägt dabei immer wieder auf den eigenen Körper: Bewegungsimpulse, die nebenbei zum Soundtrack der Situation werden. 

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Eine neue Spielregel wird eingeführt. Die Gruppe begibt sich durch sachte Bewegung in einen ruhigeren Modus. Aus ihr lösen sich zwei Tänzer*innen, treffen die Entscheidung, sich wieder der ekstatischen Bewegungsform hinzugeben. Kommt eine dritte Person dazu, muss eine der schon Tanzenden sich zurückziehen. Dabei geht es nicht um Repräsentation, sondern die Aktivität der sich bewegenden Gruppe. Das erfordert Aufmerksamkeit, Intuition und das richtige Timing. Und es funktioniert. 

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Nach der Pause beginnt die Arbeit in Paaren. Wie zur Materialisierung einer alles bestimmenden, stimmungsfärbenden Metapher werden die Tänzer*innen durch Seile verbunden, um eine spezifische Intensität der Relation zueinander herzustellen – eine Übungsaufgabe, die hinterher auch ohne dieses Hilfsmittel praktiziert wird.  

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Eine weitere Situation des gruppendynamischen Bewegungsrepertoires ist einfach, aber wirkungsvoll. Das intuitive, schwarmhafte Ausrichten der Gruppe.

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Am Ende der Probe ist die Konzentration am Limit, die T-Shirts sind durchgeschwitzt und kollektive Erleichterung schwebt im Raum. Während die Tänzer*innen ihre Sachen packen und den Saal verlassen, sind die Blicke einander zugewandt. 

 

Text und Fotos: Carmen Kovacs