Samstag, 13.05.17

DANCE was geschah

Was bisher geschah // previously in Munich

Festival ist ja immer Fieber. Nicht so sehr in Richtung krank, eher in der Art der Aufregung eines jugendlichen Zeltlagers. Jedenfalls ist man mittendrin im Strudel der dichten Geschehnisse und jeden Tag passiert etwas Neues, das mich und mein Weltbild auf den Kopf stellen kann (man erinnert sich doch an seinen ersten Castellucci wie an seine erste Zigarette). Die ersten zwei Tage DANCE hatten diese Potentialität inhaliert. 

Wer Stéphane Gladyszewskis „Chaleur humaine“ gesehen hat, dem wird die 8-Minuten-Performance nicht mehr aus dem Kopf gehen (wer noch nicht, sollte es schnellstens tun: läuft bis Sonntag im Muffatwerk!). Als Teil einer intimen Zuschauerschaft wird man in eine andere Wirklichkeit hineingezogen. Zwei nackte Körper, die so viel mehr zu sein scheinen: mehr als zwei, mehr als nackt, mehr als Körper und letztlich auch mehr als Menschen. Wie bei einem kurzen, aber heftigen Gewitter erlaubt die Präsenz der Unmittelbarkeit keinen rationalen Gedanken, und die Sinnlichkeit der Darstellung lässt uns fasziniert und ungläubig zurück. Es bleibt das große Staunen darüber, was möglich ist.

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© Stéphane Gladyszwski

Ein weiterer Wirklichkeitsentwurf ging mit Benoît Lachambres und Fabrice Ramalingoms „Hyperterrestres“ auf die Bühne und tauchte sie in kühles Licht. Die Welt, in die sie uns Einblick gewähren, ist eine durchdesignte Skizze: von der maschinenhaft inspirierten Bewegungslogik über die Sci-fi-Kostüme bis zur eigenen Laut-Sprache. Ein kleiner Beweis ihrer großen Erfindungskraft. 

So torkelte man leicht verstört, aber durchaus amüsiert aus dem Carl-Orff-Saal im Gasteig und konnte sich draußen auf dem Celibidacheforum in Peter Trosztmers #boxtape werfen. Richtig: Kunst zum Anfassen und Mitmachen. Und das große Feedback, die magnetische Wirkung dieser „sozialen Plastik“ macht mehr als deutlich, wie sehr den öffentlichen Plätzen dieser Stadt genau solche partizipativen Möglichkeitsräume fehlen.

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Und dann, ja dann war Richard Siegal. Seit Wochen ausverkauft, seit Wochen unter Hochspannung erwartet. Drei Stücke, eines davon eine Uraufführung der neu gegründeten Kompanie „Ballet of Difference“. Und was soll man sagen, denn es wurde ja schon so viel darüber gesagt? Siegal schafft es einmal mehr, seine Tänzer*innen in einer einzigen Angelegenheit gleichzuschalten: Niveau. Was alles andere betrifft, darf jeder und jede als die Person tanzen, die sie oder er ist. 

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© Ray Demski Photography

Ein Festival ist immer auch seine Feier. Nachdem Hände geschüttelt, Freunde umarmt, die Eindrücke sortiert und die richtigen Worte für das soeben Erlebte gefunden wurden, rauschte nicht nur die Wasserschleuse am Muffatwerk, sondern auch die Musik in die Nacht hinein (und manchen wohl auch der Kopf am nächsten Morgen). 

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Speaking of Rauschen. Mit Tag 2 eröffnete Katja Schneider das Symposium „Das Rauschen unter der Choreographie. Überlegungen zu ‚Stil‘“, das noch bis Sonntag im Theater HochX zu Gast ist. Gleich zu Beginn stellen sich die wichtigen Fragen: Ist Stil eher ein Phänomen der Rezeption als der Intention? Wie und warum entstehen im zeitgenössischen Tanz Stilzuschreibungen, die gar nicht intendiert waren? Kann es einen antirepräsentativen Stil geben? Kann man überhaupt Kunstwerke schaffen, die keinen Stil haben? Es wird diskutiert. 

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Beispielsweise über die piktogrammatische Verdichtung der Arbeiten von Xavier Le Roy. Hier "Self Unfinished" © Katrin Schoof

Unter dem sich zusammenbrauenden Gewitter feierte Freitag Abend Yang Zhens „Minorities“ im Schwere Reiter seine Uraufführung. Die fünf Performerinnen, die aus europäischer Perspektive alle der Nationalität „Chinese“ angehören, zeichnen im Laufe des Abends ein differenziertes, im wahrsten Sinne buntes Bild einer von Minderheiten durchzogenen Gesellschaft. In autobiographischer Manier sprechen sie über sich, tanzen miteinander, singen und hula-hoopen sich in Rage. Eine mal wütende, mal ironische und mal schwesterlich berührende, in Knallfarben leuchtende, aber nie kitschige Inszenierung. Trotz der politisch-kritischen Haltung wird deutlich, dass darin ein Optimismus liegt, der nicht aufgeben wird. 

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Wie bestellt nach der Vorstellung, mit dem Schutthaufen der Großbaustelle im Rücken: ein dramatischer Himmel, durch den ein rosa Licht geht. 

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In wenigen Stunden ist viel passiert: in großen, kleinen, sowohl unkonventionellen als auch klassischen Formaten zeigt DANCE gleich zu Beginn sein Gesicht. Wir dürfen gespannt sein.

#tobecontinued 

 

Text und alle weiteren Fotos: Carmen Kovacs