Donnerstag, 18.05.17

Gat Sunny c Dieter Hartwig

Was bisher geschah: "SUNNY" von Emanuel Gat und Awir Leon

Der Gasteig liegt so weit oben, dass es manchmal eine kleine Tortur ist, im Stress und in Strumpfhosen pünktlich zur Veranstaltung einzutreffen. Das Schöne an dieser Lage ist die Chance auf Abendsonne, die man in die Vorstellung mitnehmen kann – eine rosarote Brille, die auf alles einen schmeichelnden Filter legt. 

So auch auf die Kompanie von Emanuel Gat, die sowieso schon in zarter nude- und pastellfarbener Badebekleidung auftritt. Die zehn Tänzer*innen gruppieren sich am linken Bühnenrand um den Musiker des Abends, Awir Leon. Zu seiner Interpretation des all-time-favorite "Sunny" (#grillparty #openair #rooftop #memories) finden sie sich in Paaren zusammen. Es wird etwas entwickelt, das die nächste Stunde über konsequent fortgesetzt wird: eine Systematik des sich ins Verhältnis setzens. In der ersten Hälfte des Stücks wird das in den Paar-Konstellationen durchgespielt. Ein sanftes Miteinander, balzige Clubmoves, die Wellen in die Körper legen, so weich wie die Stimme von Awir Leon. Als die Musik für eine ganze Weile aussetzt, gewinnt die Beziehungsarbeit an Fahrt. Eine Architektur der Körper-Konstellationen und Relationen wird gebaut. Jede*r Tänzer*in findet innerhalb einer alles imprägnierenden Bewegungssprache eine eigene Ausdrucksform, jedes Paar führt sein Verhältnis zueinander anders aus. Das ist mal installativ und in Posen gedacht, mal expressiv sportlich an Gymnastik- und Aufwärmübungen angelehnt. 

Gat Sunny 2 c Dieter Hartwig

Die zweite Hälfte ist dem Verhältnis von Gruppe und Individuum, seinen diversen Dynamiken gewidmet. Über die ganze Bühne verteilt ergeht sich jeder für sich in körperlicher Verausgabung. Es scheint, als läge in der Abfolge der asynchronen Bewegungsausbrüche eine mathematische Klarheit. Wie formelhaft berechnet sind die Bewegungen individuell zugeschnitten, abgespult nach einem nicht durchschaubaren Algorithmus, der nur intuitiv nachvollziehbar ist, über die musikalische Ebene Sinn ergibt. Es herrscht ein stetiges Kommen und Gehen der einzelnen Tänzer*innen. In verschiedenen Konstellationen werden hübsche Ensembles und Bilder gelegt, kontrastiert durch das Rohe und Physische der Anstrengung, durch die Rufe, die dem Szenario einen Hauch Tribe-hafter Verschworenheit geben. In dem blasskühlen Licht, zu den beat-durchsetzten Synthieklängen ist das fast ein bisschen zu schön und könnte glatt ein Videoclip für Scott Matthew sein.  

Aus dieser Idylle werden wir überführt in einen synchron getanzten Part, der durch Stoprufe der einzelnen Tänzer*innen unterbrochen wird. Dann geht alles wieder auf Anfang, die Choreografie startet nochmal von vorn. Eine selbstverwaltete Probensituation also, die für die Tänzer*innen untereinander zum Spiel wird. Für uns faszinierend: Das Scheitern, Ansetzen, Abbrechen, Aufgeben, Neuanfangen und endlose Wiederholen. Plötzlich werden Schwachstellen sichtbar, Erschöpfung wird ausgestellt. Nicht die Gruppe bestimmt das Individuum, sondern ein einzelner Mensch, seine Stimme und Schwäche gibt das Tempo vor, wonach sich alle richten. 

Am Ende ist man beglückt von der reinen Dichte der Bewegungen und dem vital-expressiven Stil ihrer Sprache. Nicht zuletzt auch von der Stimmung, die die Tänzer*innen von der Bühne aus in den Saal transportieren: dass sie Spaß an dem haben, was sie tun, ist offensichtlich spürbar. Da hat sich der Song des Abends als Motto unter jede Haut gesungen. 

 

Text: Carmen Kovacs
Fotos: Dieter Hartwig