Samstag, 20.05.17

Gladyszewski c Gladyszewski

Was bisher geschah: "Tête-à-tête" von Stéphane Gladyszewski


Du musst dein Leben ändern. Es gibt diese raren Theatererlebnisse, die einem für kurze Zeit eine Tür öffnen, einen Möglichkeitsraum, der uns mit der Potenzialität des Menschseins konfrontiert. Stéphane Gladyszewskis fünfzehnminütige 1:1 Performance Tête-à-tête ist dieses Erlebnis und es lässt einen nicht mehr los. Im grenzenlosen Dunkel des Raums finde ich Schutz hinter einer Maske, einem Abguss von Gladyszewskis Gesicht, und sehe durch sie hindurch: in ungefährlicher Distanz sprüht es Funken aus vollen Lippen. Durch die Kopfhörer Sounds und Stimmen, an die ich mich nicht erinnern kann – zu stark die visuellen Reize. Der Modus der Aufmerksamkeit macht wache Augen und der Puls geht höher, als er im Dunkeln verschwindet. Plötzlich und nur eine handbreit von mir entfernt, fällt ein schmaler Lichtstreifen auf sein Gesicht, unsere Augen treffen sich. Das ist mit einem Mal so intim, dass ich rot werde hinter meiner Maske.

Minimale, ritualhaft gestaltete Handlungen werden vollzogen. Gladyszewski beißt in einen Apfel, zieht sein Hemd aus, legt eine zweite Haut auf sein Gesicht. Er zündet ein Streichholz an, lässt seine Hände Feuer fangen und die Situation wieder ins Dunkel verschwinden. Kleine Tricks mit großen Effekten. Aber die stärksten Momente kommen noch. Mit seinem Blick greift er nach meinem, durch die Maske hindurch, eine ganze Weile lang, und entfernt sich. Die Maske fährt hoch und ich werde angesehen, von warmem Licht bestrahlt, hinter einer in der Luft hängenden Glasscheibe. Er kommt ganz nah heran. In der Spiegelung der Scheibe sehe ich mein Gesicht, sein Gesicht, und in der Überlagerung etwas neues Drittes. Die Frage nach dem Verschwinden meiner Identität stellt sich nicht. Überhaupt sind in dem Moment keine Fragen da – nur bloßes Staunen darüber, wie nah man sich kommen kann. 

Als er meine Hände nimmt, ist das nur die logische Konsequenz dieser Nähe und ein Schritt in eine neue Realität. Er bedeutet mir, die Kopfhörer abzunehmen. Wieder ein Stück näher. Und als ich glaube, dass wir nun voreinander sitzen als die Menschen, die wir sind, lehnt er sich zur Seite, führt seinen Blick an der Glasscheibe vorbei, die noch zwischen uns stand. So bleiben wir. Und als er sich langsam löst und verschwindet, stellt sich eine Traurigkeit ein, die nicht von hier ist. 
Draußen riecht die Luft nun anders, die Farben leuchten. Ich habe etwas gesehen. Und wer Menschen sucht, wird Menschen finden.

 

Text: Carmen Kovacs
Foto: Stéphane Gladyszewski