Sonntag, 21.05.17

Gravel Blog c Volker Derlath

Was bisher und zuletzt geschah: "OCD Love" von Sharon Eyal / Gai Behar und "Some Hope for the Bastards" von Frédérick Gravel

Der Körper ist ein wunderlicher Apparat, seine Grenzen eine dehnbare Größe. Diese Einsicht kommt bei einem Tanzfestival wenig überraschend. Und trotzdem ist man jedes Mal aufs Neue fasziniert von den absurden Ausprägungen und Nuancen, die ins Spektrum des physisch Machbaren gehören. Die beiden Stücke, mit denen DANCE ausklingt, geben alles, um uns dieses Erlebnis zu schenken.

"OCD Love" von Sharon Eyal und Gai Behar ist das Showing Off einer Krankheit: "obsessive compulsive disorder" heißt die und bedeutet eine Zwangsstörung. Das klingt stark nach Hineinsteigerei und den bittersüßen Nachwirkungen einer chemischen Droge. Und in der Tat ist es schwer zu glauben, dass die sechs Tänzer*innen nicht drauf sind. Nervöses Zucken, neurotisches Zittern. Bloßgelegte Knochenteile, bis ans Limit gespannte und gedehnte Haut über Rippen, Brustkorb, Muskelfasern – so führen sie die Anatomie des menschlichen Körpers in langsam ausgestellter Dehnung vor. Es arbeitet sich jeder individuell am eigenen Fleisch ab. Das ist alles sehr dark, ohne aber den fatalen Schritt ins Selbstdestruktive zu gehen.

Immer wieder entlädt sich die Beklemmung in spastischen Ausrastern, die Krämpfe auszutragen scheinen. Ist das die Angst vor sich selbst, die als Substanz durch den Körper geht? Die dunkel gehaltene Bühne, nebeldurchzogene Spots und elektronische Live-Musik tragen stark zur Stimmung bei. Stehende Streicherklänge werden von harten Beats und Bässen abgelöst. Dazu entfaltet sich in der Gruppe, besonders in den synchronen Momenten, eine archaische Kraft, die sich zu verselbstständigen droht. Diese gar nicht mal so langen 60 Minuten sind ein Kraftakt – auch fürs Publikum, das das hohe Energielevel tatsächlich physisch aushalten muss.

Von der Liebe, um die es hier eigentlich auch noch gehen soll, merkt man wenig. Und vom Aushandeln einer Beziehung kann ebenfalls nicht die Rede sein. Die Tänzer*innen teilen sich zwar eine Bühne und darin auch eine sie verbindende Körpersprache, aber die Kommunikation ist nie direkt. Ein einziges Mal, ganz gegen Ende, sind die Blicke zueinander inszeniert. Mehr Nähe findet nicht statt. Ein Licht von der Seite deutet Hoffnung auf Veränderung an, doch wir werden im Ungewissen gelassen.

Anyway, die Stärke der Produktion liegt nicht in der Möglichkeit, sie als Geschichte zu begreifen. Man sollte durch sie hindurchgehen, wie durch ein Gruselkabinett. Danach muss man sich wundern und freuen über die eigene Unversehrtheit – und weiß trotzdem: man wird wild träumen diese Nacht, verrückt.

14 OCD LOVE photo by Ron Kedmi
© Ron Kedmi 

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Ähnlich physisch und kräftezehrend ist Frédérick Gravels Uraufführung "Some Hope for the Bastards", ganz anders die Attitüde. Als wir den Zuschauerraum betreten, sind die neun Tänzer*innen schon auf der Bühne, unterhalten sich, schauen zu uns rüber, trinken Biere und verhalten sich natürlich. So bleibt das erstmal. Wir warten auf sie, sie warten auf uns. In bewusst nicht aufeinander abgestimmten Cocktailparty-Outfits finden sie sich an der Rampe zu einer Konstellation zusammen, die an ein Familienportrait erinnert (oder an das Titelbild einer Fernseh-Soap). Aus diesem Bild rutschen die Körper nach und nach ab, fallen langsam zu Boden.

Alle drei Seiten der Bühne sind mit Scheinwerfern flankiert und rahmen im hinteren Bühnenbereich ein Band-Set. Die tritt dann auch auf, diese Band. Der Schmächtige mit der Gitarre, Gravel höchstpersönlich, hält einen sympathischen Intro-Monolog. Er spricht über das Stück, seinen Titel und die Erwartungshaltungen: "I'm sure you expect something. But we also expect something from you. Expectations are nice to talk about." Und dann geht’s los. Die nächsten eineinhalb Stunden werden wir mit einem harten, manchmal zarten, und meistens lauten Musikmix überrollt: Bach, Band und Bässe. Dazu dürfen alle mehr als einmal Rockstars sein, durchdrehen und sich verausgaben.

Sie kriechen, springen, fallen und posieren in motivartigen Sequenzen, stop and go, und alle gehen ins Freeze für pulsierend kurze Augenblicke. Der Drive der Gruppe ist unschlagbar unmittelbar. Tiefer gehen jedoch die Momente, in denen vom Gelingen und Scheitern der auf Zweierpaare gepolten Körper erzählt wird. Mit aller Kraft wird da eine Übereinkunft der Körper gesucht, die offensichtlich nicht funktionieren wollen. Und dann doch. Während das Rockkonzert tobt, wird der gute Kitsch ausgepackt: immer zwei, die sich ansehen, sich finden, anziehen, abstoßen, Passion und Drama. Die Musik setzt aus, die Herzen schlagen weiter, lauter.

Die Situationen stehen alle sehr lange, transformieren sich nur langsam und fast unbemerkt. Gegen Ende wird das Energielevel nochmal hochgefahren: Headbanging, Kampfsport-Anleihen und Breakdance-Bruchstücke werden zu einer repetitiven Struktur verdichtet, die mit dem über das Publikum geworfenen Scheinwerferlicht einen fulminanten Schluss formuliert. Danach braucht man erst einmal ein Bier.

Frederick Gravel Some Hope for the Bastards Volker Derlath BSC4463

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Zehn Tage DANCE waren viel und anstrengend, beglückend und erschütternd. Die Eindrücke sind lebendig und bleibend – wir haben sie tief eingeatmet, damit wir die Zeit bis zum nächsten Mal überstehen. Bald.

 

Text: Carmen Kovacs
Weitere Fotos © Volker Derlath