Dienstag, 02.05.17

Richard Siegal Ballet of Difference ShokoPhoto

Proben, Blicke: Richard Siegal / Ballet of Difference


Keine Fotos, nicht während der Proben. Deshalb hier das Bild im Text #1: Ein Berg von jungfräulich rosafarbenen Spitzenschuhen, in Plastik gehüllt, sorgfältig beschriftet und sortiert, aufgestapelt in zwei Reisekoffern. Noch glänzen sie wie neues Spielzeug, bald steht ihnen der Schweiß, die Anstrengung bis zum Hals, welcher der Knöchel ist. Richard Siegals „Ballet of Difference“ ist zwar different, aber immer noch Ballett. Die technischen Ansprüche an die Tänzer*innen sind hoch, die Stimmung im Probenraum ist entspannt, aber konzentriert. 

Richard Siegal kommt mit guter Laune und in bunter Kleidung. Er beginnt mit Korrekturen der letzten Probe: technische Ansagen, Präzisionsarbeit. Aus einem stolpernden Versehen wird ein Witz, aus dem Witz eine choreographische Option und daraus ein Übergang gestaltet. So kann das laufen. Bild im Text #2 wäre ein schönes Portrait geworden: Siegal auf dem roten Stuhl mit roter Mütze, er zieht die Beine an den Körper, krümmt sich vor Lachen. Alle freuen sich. 

Ein paar Sequenzen werden im Detail geprobt, dann der Durchlauf. Der erste Eindruck ist fesselnd, getanzt wird viel und schnell und in hoher Dichte zu perkussiver und Drum and Bass lastiger Musik, die auch mal klirrt und flackert (DJ Haram). Die Choreografie setzt weniger auf effektvolle Synchronität der Gruppe, sondern etabliert vielmehr die Heterogenität der Tänzer*innen und ihrer Bewegungsabläufe. Verschiedene Stile und Genres werden anzitiert, einverleibt und verarbeitet, thematisch gebrochen und ironisch kommentiert. Posen aus dem Indischen Tanz, Orientalismen, schüttelnde Schultern, aber auch ganz banale Tendus aus dem klassischen Ballett, die in polyrhythmischer Relation zueinander durchgespielt werden. Alles steht für sich und kommuniziert doch irgendwie miteinander. 

Bild im Text #3 zeigt ein dynamisch verschwommenes Still von Sprüngen aus der Drehung heraus: wie von einem Motor angetrieben, zwirbeln und schrauben sich die Tänzer*innen durch den Raum.   

Die Bewegungen sind mal scharf und kühl, dann wieder aus der Hüfte kommend, beschwörend ritualhaft aufgeladen – immer aber tief im Körper verankert. Dabei sind die Tänzer*innen alle gleichberechtigt präsent, in ihrer Individualität bestärkt. Jede*n von ihnen möchte man gleich näher kennenlernen und in den gelegentlichen Gesprächen zwischendurch fällt auf, dass auch sie Interesse am Gegenüber, an der Außenwelt haben. Das macht in der Szene vielleicht sogar den größten Unterschied: dass man sich nicht nur um sich selber dreht. 

 

Aufgrund der großen Nachfrage hat das DANCE Festival eine vierte Vorstellung von Richard Siegals "My Generation" ins Programm genommen:

Fr. 12. Mai, 17 Uhr  - TICKETS

 

Text: Carmen Kovacs
Foto: Cedar Lake Ballet in "My Generation" © ShokoPhoto