Samstag, 06.05.17

Brygida Ochaim Carmen Kovacs

Über die Schulter geschaut: Brygida Ochaim

Brygida Ochaim kommt vom Training – das sind die Tage, an denen sie sich etwas sammeln muss, zuhause ankommen, Kaffee machen. In Vorbereitung zur Ausstellung "Tanz in München – Archiv in Bewegung", die sie seit fast einem Jahr für DANCE 2017 plant, herrschen in ihrer hellen Altbauwohnung archivähnliche Zustände: in beinahe allen Zimmern sind Plakate, Zeitungsausschnitte oder Fotos drapiert, in Umschlägen gesammelt, nach Themen sortiert, in Relation zueinander komponiert. Dabei fühlt man sich nicht wie im Museum, viel mehr wie in einer Schatzkammer, die ihre Türen für kurze Zeit öffnet.

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Brygida Ochaim, Tänzerin, Choreografin und Autorin, ist auch so eine Schatzkammer, ein Archiv in persona. Sie hat viel zu erzählen, ist jedoch nicht eine von denen, die einfach drauflosreden. Sie antwortet, wenn man fragt und wählt die Worte mit Bedacht. Wie das war, als William Forsythe zum ersten Mal in München zu Gast war, welche Einflüsse Butho seit den 80ern auf die Münchner Tanzszene hat, wie Pina Bausch ihre Zelte im Englischen Garten aufgeschlagen hat, wen es damals schon gab, was es heute noch gibt. Auch, was es heute nicht mehr gibt. Die Alabama-Halle zum Beispiel, die einen großen Beitrag zur Hallenkultur geleistet hat und sich in noch immer bestehenden Orten wie der Muffathalle fortträgt.

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Das Archivieren, Sammeln und Verfügbarmachen lag ihr schon immer am Herzen. Als sie 1980 in New York war, entdeckte sie einen Tanzführer und war begeistert. Zwei Jahre später folgte daraus "Tanz in München", Wegweiser und Überblick über Ausbildungsmöglichkeiten in München – mit der Schreibmaschine getippt, im Selbstverlag herausgegeben.

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Für Brygida Ochaim ist die Ausstellung allerdings nicht nur ein persönliches Projekt. Sie soll auf die Notwendigkeit von Archivierung, Dokumentation, Sammlung und Sichtbarmachung hinweisen, ein Zeichen setzen. Mit der Öffnung ihres ganz privaten und reichen Archivs deutet sie auf die sensible Wunde einer aktuellen Debatte: die Notwendigkeit von institutioneller Seite, ein Tanz-Archiv zu etablieren, das uns nicht nur den Zugang zur Geschichte der (Münchner) Tanzszene, sondern auch in die Zukunft weisende wissenschaftliche wie künstlerische Auseinandersetzung mit dem Material ermöglichen soll.

Die vielen Dokumente sind Zeugnisse des Erlebten, Stellvertreter einer Erfahrung, eines Gefühls oder einer Begegnung. Gleichzeitig sind sie die Bilder und Texte, die unsere Wirklichkeit über Jahrzehnte mitgestaltet und -geschrieben haben. Sie zu vergessen, wäre für die Identität des zeitgenössischen Tanzes fatal.

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Text und Fotos: Carmen Kovacs