Montag, 15.05.17

Ashbee Unrelated

Was bisher geschah: Daina Ashbees "Unrelated"

Auf dem Boden der Kammer 2 liegt eine Tänzerin auf dem Rücken, nackt, Arme und Beine leicht von sich gestreckt. Sie sieht entspannt aus, atmet ruhig, Handflächen nach oben. Einem nicht durchschaubaren Konzept folgend, ist ihre Haut mit unterschiedlichsten Tattoos geschmückt, die sich nicht nur in den Körper, sondern auch in seine Bewegungen einschreiben. Aber noch liegt sie für eine ganze Weile einfach unbeweglich da, als wäre sie selbst auf ewig in die Haut des Bodens tätowiert. Ein tiefes Dröhnen schleicht sich aus dem Nichts in den Raum, wird lauter und legt sich über uns. Die Tänzerin hebt ihre Brust, wir können ihre Halsschlagader pulsieren sehen. Das alles hat – das merkt man sofort – nichts Gutes zu verheißen. 

Und es dauert nicht lange, bis wir Bilder sehen, die wir nicht anders lesen können, als explizite Symboliken sexueller Gewalt. Die weiße Wand im Rücken der Bühne wird gleichzeitig Zufluchtsort und Objekt der aggressiven Ent- und Aufladung, wenn sich die Performerin mit all ihrer Kraft gegen sie wirft. Ihr Körper wird dabei zum Austragungsort ambivalenter Gefühle zwischen Wut, Selbstbehauptung und Selbsthass – die Haare zum Vorhang, hinter dem sie ihr Gesicht versteckt. 

Die gute Nachricht vorweg: Es ist nur Theater. Alles, was die beiden Tänzerinnen während dieser Stunde in den Münchner Kammerspielen erleiden, ist choreografiert und inszeniert. Die schlechte Nachricht: Die Geschichten, die hinter Daina Ashbees Produktion stehen, sind wahr. Die in Montréal lebende Choreografin thematisiert in „Unrelated“ das Verschwinden indigener Frauen und Mädchen in Nordamerika. Die Schwere und Brutalität, die ein solches Thema mit sich bringt, nicht banal abzubilden, ist eine große Herausforderung. Daina Ashbee findet eine Sprache, die der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit gerecht wird und gleichzeitig poetisch genug ist, uns nicht nur zu schockieren, sondern auch zu berühren. 

Dabei lässt sie keinen Moment zu, in dem wir uns aus der Verantwortung ziehen können, denn der Blick ist immer ein gegenseitiger, nie ein ausschließlich voyeuristischer. Wir schauen und wir werden angesehen. Und zwar hauptsächlich von der zweiten Tänzerin, die erst etwas später hinzukommt. Sie schaut nicht einfach in die Masse, sie andressiert uns individuell. Sie kommt ganz nah heran, und wir spüren gleich: wir sind gemeint. Doch wir müssen keine Angst haben, denn ihr Blick ist nicht vorwurfsvoll, sondern offen und durchlässig, ohne Ironie und Aufforderung.  

Später werden wir dann tatsächlich in kleine, ritualhafte Handlungen eingebunden. Es geht ein Stück Fell durch die Reihen, eine Hand berührt mich, die Verschwesterung breitet sich auch im Publikum aus. Das alles passiert ganz langsam, mit großer Vorsicht, und ist so direkt und ehrlich, dass es in keinem Augenblick übergriffig wird. Und gerade, wenn wir die Mädchen so richtig liebgewonnen haben und auf ein versöhnliches Ende hoffen, geht es wieder los: mit Wucht gegen die Wand. Vor mir in der dritten Reihe weint der junge Mann mit den Locken. 

Am Ende traut sich erstmal keiner zu klatschen. Schwer. Aber genau darum geht es: Dass es schwer ist für uns, weil es schwer ist und wahr für so viele andere. Daina Ashbee deutet mit ihrem Stück nicht auf die Wunden der Opfer, sondern auf unsere eigenen – das tausendfache Wegschauen, das so viel leichter ist.

 

Text: Carmen Kovacs
Foto oben: Daina Ashbee