Raimund Hoghe © Rosa Frank

Raimund Hoghe © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Raimund Hoghe, Canzone per Ornella © Rosa Frank

Magazin #3

CANZONE PER ORNELLA

In Gedenken an Raimund Hoghe: Der Choreograf, Tänzer, Filmemacher und Autor sollte ursprünglich mit Canzone per Ornella in München zu Gast sein. Pandemiebedingt musste auf ein Filmprogramm umgestellt werden. DANCE zeigt nun seinen Film Die Jugend ist im Kopf mit einer Einführung von Katja Schneider, Professorin für Tanztheorie, in Erinnerung an den Künstler, der in der Nacht zum 14. Mai in seiner Düsseldorfer Wohnung verstorben ist .Wir trauern um Raimund Hoghe mit diesem Einblick in sein komplexes, so reiches Werk.

Das Interview wurde Anfang April geführt.

Canzone per Ornella steht in einer Reihe von Stücken, die Du für Tänzerinnen und Tänzer kreiert hast, die mit Dir schon lange arbeiten. So entstanden Songs for Takashi (2015), Musiques et Mots pour Emmanuel (2016) und eben Canzone per Ornella (2018), das beim Festival DANCE präsentiert wird. Wie beschreibst Du Ornella Balestra? Was prädestiniert sie für Deine Stücke? Und wo habt Ihr Euch kennengelernt?

Wir haben uns 2002 bei einem Gastspiel von Lettere amorose in Turin kennengelernt. Sie kam damals in meine Vorstellung und zu einem Workshop. Ich war von Anfang an sehr fasziniert von ihr und wollte unbedingt mir ihr arbeiten. Sie hat eine unglaublich starke Ausstrahlung, kann auf der Bühne Trauernde sein und glamouröse Diva. Sie steht zu ihrem Alter und scheint doch eine Frau ohne Alter zu sein – und nicht zuletzt ist sie eine wunderbare Tänzerin. Es fällt mir schwer, sie mit Worten zu beschreiben – deshalb mache ich Stücke mit ihr, in denen ich etwas davon ausdrücken kann, was sie für mich bedeutet. Fast 20 Jahre arbeiten wir jetzt zusammen und bei jeder neuen Arbeit entdecken wir neue Seiten. Sie ist eine sehr offene und auch politisch engagierte Persönlichkeit, kann sich sehr leicht auf die von mir vorgeschlagenen Musikstücke einlassen – ob Klassik oder italienische Schlager – und auf verschiedene Musikstile einstellen.

Eine berührende Szene zeigt Dich und Ornella Balestra in der Situation einer Ballettstunde. Du bist der Schüler, sie ist die Lehrerin. Wie kam es zu dieser Szene?

Die Szene ist aus dem 2003 uraufgeführten Stück Tanzgeschichten, in dem wir zum ersten Mal zusammengearbeitet haben. Wie immer habe ich auch bei ihr mit Spuren der eigenen Geschichte gearbeitet. Für sie zählt dazu auch die klassische Ausbildung als Tänzerin – ich habe diese Ausbildung nicht und so kann ich von ihr lernen.

Ornella Balestra stammt aus Turin. Gibt es eine besondere Italianità, die das Stück auszeichnet? Die "Canzone" im Titel machen darauf neugierig.

Ornella verkörpert für mich immer etwas von Italien – es ist einfach da. Und natürlich gibt es (nicht nur in diesem Stück) Musik aus Italien, die ich seit meiner Kindheit liebe. Es ist aber nicht so, dass ich mich bei der Musikauswahl nur auf mein Archiv konzentriere – durch die Arbeit entdecke ich immer wieder neue Stücke und neue Interpret*innen. Zum Beispiel die in Italien sehr bekannte Sängerin Milly. Dazu kommen noch die Textfragmente von Pier Paolo Pasolini.

Pier Paolo Pasolini, italienischer Dichter, Regisseur und streitbarer Publizist, war wichtig für Dich. Sein Satz "Den Körper in den Kampf werfen" wurde vor beinahe 30 Jahren so etwas wie ein Motto für Deine Werkbiographie. Wirfst Du Deinen Körper immer noch in den Kampf? 

Ja, der Kampf hört nicht auf.

Texte von Pasolini durchziehen auch Canzone per Ornella. Ist Pasolini für Ornella auch eine wichtige Figur?

Wenn die Texte von Pasolini bei Ornella nichts auslösen würden, würde ich die Texte nicht nehmen – es geht in meiner Arbeit immer auch um die Resonanz, die Texte oder Musik bei den Tänzern auslösen. Gibt es keine Reaktion, muss ich nach anderen Texten oder Liedern suchen – bis eine Verbindung entsteht. Und Ornella ist wie ich eine große Bewunderin von Pasolinis Texten und Filmen.

Ich habe Dich über Deine journalistischen Texte, Deine Interviews und Porträts, als politischen Menschen erfahren. In Deinen Stücken gehst Du immer wieder auf geflüchtete Menschen ein und gibst ihnen eine Stimme. Verstehst Du Dich als politischer Choreograf/Künstler?

Ich kann meine Augen nicht verschließen vor dem, was um uns herum passiert. Ich sehe Obdachlose auf der Straße und in den Medien Bilder von Flüchtlingen, lese von Ausgrenzung und dem Versuch, dass wir uns abschotten vor denen, die auf der Flucht sind und ums Überleben kämpfen – das kann ich nicht beiseiteschieben und mich in eine bunte Postkartenidylle flüchten. 

Du hast im vergangenen Oktober den Deutschen Tanzpreis erhalten. Was bedeutet der Preis für Dich?

Ich habe mich sehr über die Auszeichnung gefreut – auch, weil Gret Palucca die erste Preisträgerin war. Ich habe sie ja noch am Ende ihres Lebens getroffen und über sie geschrieben. Ich denke oft an sie – und natürlich auch an andere Preisträger, die ich kenne und mit denen ich auf unterschiedliche Art gearbeitet habe. Zum Beispiel Pina Bausch, Nele Hertling, die mich ins Hebbel-Theater eingeladen hat, oder Bertram Müller, in dessen Werkstatt in Düsseldorf ich meine ersten Arbeiten gezeigt habe. 

Gefreut habe ich mich auch, weil ich der erste Choreograf aus der freien Szene bin, der mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wurde – und wohl auch der erste mit einer Behinderung.


Das Interview führte Katja Schneider.