Nina Hümpel im Kreativquartier München © Jean-Marc Turmes

Nina Hümpel im Kreativquartier München © Jean-Marc Turmes

Ceren Oran: Who is Frau Troffea (UA) © Dieter Hartwig

Ceren Oran: Who is Frau Troffea (UA) © Dieter Hartwig

Tanz im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Tanz im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Tanz im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Tanz im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Come Together! Right Now! im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Come Together! Right Now! im Kreativquartier München © Dieter Hartwig

Ceren Oran: "Who is Frau Troffea?" (UA) © Dieter Hartwig

Ceren Oran: "Who is Frau Troffea?" (UA) © Dieter Hartwig

Magazin #2

Kuratieren in Zeiten von Corona

Festivalleiterin Nina Hümpel im Interview.

Wie würdest Du Dein letztes Jahr mit der Arbeit an DANCE in einem Satz zusammenfassen?

So anstrengend wie noch nie, da sich alles ständig ändert mit dem Virus in den unterschiedlichen Ländern weltweit und bei uns.


Die Theater sind und waren monatelang geschlossen, Festivals wurden abgesagt, das Reisen war schwierig. Wie kann man dann überhaupt das Programm für ein internationales Tanzfestival zusammenstellen?

Das geht nur mit viel Optimismus und dem Willen, die Strategie immer wieder in Frage zu stellen und zu verändern. Die größten Probleme haben wir natürlich jetzt und in den kommenden zwei Monaten, wenn wir langsam entscheiden müssen, was live gezeigt werden kann und welche internationalen Kompanien aufgrund der Bestimmungen nicht einreisen können. Das ist mit viel Herzblut verbunden und da machen wir es uns nicht leicht. Die Auswahl der Produktionen im Vorfeld dagegen war nicht sehr schwer. Ich hatte noch so viele im Kopf und im Herzen, die wir in vergangenen Jahren nicht zeigen konnten, kenne so viele Choreograf*innen weltweit, denen man auch vertraut eine Uraufführung bei uns zu zeigen oder eine neue Produktion, die man noch nicht vorher auf einem Festival gesehen hat. Ich konnte außerdem vor März 2020 noch reisen und einiges anschauen, hatte im Sommer 2020 das Glück, in der kleinen „Corona-Lücke“ zwei Festivals zu besuchen, und der Rest lief über Online-Konferenzen mit Choreograf*innen, die mir ihre Arbeiten vorstellten. Viele Themen bestimmen außerdem aktuell unseren gesellschaftlichen Diskurs, so dass die Zusammenstellung des Programms immer noch von Kürzungen statt einem Ringen um weitere Vorstellungen bestimmt war. Nur Neuentdeckungen von Künstler*innen, die in ihren Ländern nicht gefördert werden, die noch keine Agenturen oder andere Organisationsstrukturen haben, habe ich auf das nächste Festival vertrösten müssen. Um solche Künstler*innen wie den Chinesen Yang Zhen, der beim Festival 2015 quasi noch ein Student war, oder auch Daina Ashbee und Peter Trosztmer aus Montréal bei uns zu präsentieren, muss man ins Land reisen, auf Off-Festivals gehen, mühsam Probenräume am Stadtrand der Metropolen aufsuchen und auch intensiv persönlich beraten und mit praktischer Hilfe parat stehen.


Mit welchen Schwierigkeiten hast Du in der Vorbereitung pandemiebedingt besonders zu kämpfen?

Mein Team wird ständig von mir mit neuen Szenarios konfrontiert und ist dabei unschlagbar flexibel und erfinderisch. Auch habe ich eine fantastische Unterstützung durch das Münchner Kulturreferat, das ja Veranstalter ist. Das Problem sind der Virus und seine Mutationen einerseits und die Kulturpolitik, die ja nicht so weit vorausplanen darf und kann wie es für uns wichtig wäre. Andererseits hoffen die Kompanien auf Live-Auftritte und behaupten da manchmal einen Zweckoptimismus, der verhindert, dass man noch früher über unterschiedliche Präsentationsformate diskutiert. Insgesamt stellt uns jede Produktion, die wir nicht wie geplant im Theater zeigen können, sondern als Hybrid (halb live und halb digital) oder als digitale Version oder vielleicht im öffentlichen Raum vor neue Schwierigkeiten. Unterschiedliche Sicherheitsbestimmungen sind zu beachten, es muss neu geplant, neu kalkuliert, anderes Personal für die Bühne als fürs Netz gebucht und anders disponiert werden.


Und mit welchem Szenario plant Ihr bei DANCE? Wird vieles von vornherein in den digitalen Raum verlegt oder darf man auf analoge Erlebnisse hoffen?

Man darf auf analoge Vorstellungen hoffen, noch machen die den Hauptteil des Programms aus. Sie werden sicherlich vor reduziertem Publikum gezeigt und dann zusätzlich in den öffentlichen Raum und/oder ins Internet gestreamt. Wir zeigen aber auch digitale Projekte und verschiedene Performances und Interventionen im öffentlichen Raum. Einige Produktionen und das Symposium werden von Anfang an als digitale Formate geplant.


Festivals leben vom Networking, von Zusammenkünften vor und nach den Vorstellungen, von Partys, Kommunikation mit internationalen Fachleuten und Zuschauer*innen. Was plant Ihr, um auch dieses Jahr einen Festivalcharakter herstellen zu können?

Zuerst einmal wird das umfangreiche internationale Programm sicherlich für Festivalstimmung sorgen. Wir planen verstärkt auch Vorstellungen im öffentlichen Raum, die den Tanz in die Stadt bringen und das Publikum – wenn möglich – mit einbeziehen. Auf einer neuen DANCE History Tour, die auf den Spuren der Geschichte des zeitgenössischen Tanzes durch die Stadt radelt, erfahren die Besucher*innen Tanzgeschichte und die Räume von Tanz aus der Moderne von 1900 bis 1919, die New Yorkerin Jody Oberfelder bietet zwei „Walking Pieces“ im erweiterten Stadtraum an, Ceren Oran wird eine außergewöhnliche Tanzproduktion im Stadtzentrum zeigen, und Niv Sheinfeld & Oren Laor werden nicht nur das Kreativquartier mit öffentlichen Vorstellungen beleben - alles nach dem Motto: München im Zeichen des Tanzes! Außerdem können internationale Fachleute und Zuschauer*innen am digitalen Symposium teilnehmen, wir ermöglichen Gruppen und Expert*innen, ihre Fachtagungen im Umfeld des Festivals abzuhalten und die Vorstellungen einzubeziehen. Last but not least wird es auch verschiedene Gruppen von Studierenden geben, die ins Festival eingebunden werden und aktiv an verschiedenen Bereichen teilnehmen können. Gerade das Umfeld von z.B. Gasteig, Muffathalle und schwere reiter bietet auch ausreichend öffentlichen Raum, wo sich die Festivalbesucher*innen im Anschluss an Veranstaltungen (hoffentlich wieder bei einem kühlen Drink) austauschen können.


DANCE 2019 hatte einen thematischen Schwerpunkt: Kommunikation und Community, 2017 gab es einen regionalen mit der Tanzstadt Montréal. Wie ist das dieses Jahr? Drängt sich die Pandemie automatisch als Schwerpunkt auf?

Die Frage, wie sich Künstler*innen in diesen polarisierenden Zeiten politisch artikulieren und der Umgang mit Nähe und Distanz angesichts von Corona haben sich als Schwerpunkte für das diesjährige Festival herauskristallisiert. Die Pandemie ist aber nur eine der brennenden Fragen aktuell, die Choreograf*innen bearbeiten, sie behandeln z.B. auch die Klimakrise, unsere und ihre Geschichte oder das aktuelle Flüchtlingsdrama – nicht nur in Europa. Vielleicht kann man sagen, dass die Produktionen insgesamt noch politischer geworden sind oder sich aktuell noch politischer lesen lassen. Wir arbeiten da an einer Kooperation mit Human Rights Watch, und vor allem das diesjährige Symposium fokussiert auf die „Politische Artikulation in Tanz und Literatur“. Aber auch das Thema Altern wird bei DANCE 2021 - nicht nur mit einer Werkschau der Kompanie Dance On - ein fokussierte Rolle spielen.


Apropos Klimakrise: Festivals stehen häufig in der Kritik, nicht besonders nachhaltig zu sein. Wie reagiert DANCE 2021 darauf?

Wir haben schon 2019 ganz zu Beginn der Planungsphase ein umfassendes ökologisches Konzept entwickelt, das man bald auch bei uns auf der Website nachlesen kann. Team und Künstler*innen dürfen z.B. innerhalb Deutschlands nicht mehr fliegen, innerhalb Europas nur in absoluten Ausnahmefällen und für die interkontinentalen Flüge werden Klimakompensationen gezahlt. Das Catering soll regional und vegetarisch sein. Wir haben auf eine eigentlich geplante wenig umweltfreundliche Neonfarbe für gedruckte Medien verzichtet und dafür das ökologischere Blau gewählt, das als Akzent das Gelb von DANCE 2019 beibehält. So können wir auch Werbematerial aus dem letzten Festival wiedereinsetzen. Überhaupt wird es viel weniger gedrucktes Material geben, weil man mit Digitalem auf Änderungen, die die Pandemie mit sich bringt, schneller reagieren kann aber auch weil es aus ökologischen Gründen nicht mehr zeitgemäß ist. Digitale Eintrittskarten sind ja inzwischen eine Selbstverständlichkeit.


In welchen Bereichen haben die coronabedingten Vorgaben Deine Arbeit vielleicht sogar vereinfacht oder bereichert? Was davon würdest du beim nächsten Festival beibehalten?

Die vielen Treffen im virtuellen Raum waren extrem zeit- und kostensparend und dabei äußerst effektiv, auch wenn früher manchmal die besten Ideen beim gemeinsamen Mittagessen entstanden sind. Beim nächsten Festival werden wir intensive Live-Treffen an schönen Orten für große konzeptionelle Themen und Fragen veranstalten und für die vielen, vielen organisatorischen Treffen sicherlich wie jetzt gewohnt auf Online-Meetings zurückgreifen. Wirklich bereichert wurde aber die Kunst immer dann, wenn die digitale Variante nicht einfach das Abfilmen der Produktion aus der Zuschauerperspektive bedeutete, sondern wenn explizit für den virtuellen Raum konzipiert wurde. Da ist einiges entstanden, was gerade in Bezug auf Partizipation und Immersion wirklich grandios ist. Wenn die Fans aus aller Welt, in verschiedenen Zeitzonen, mit verschiedenen Perspektiven auf eine Live-Performance reagieren, im Chat darüber diskutieren und eventuell das Geschehen dadurch beeinflussen, dann ist das schon ein sehr aufregendes Erlebnis – fast so schön wie eine Live-Performance. Das werde ich auf jeden Fall für DANCE 2023 weiterverfolgen. Darauf freue ich mich schon!