Die Geschichte des Dance-Festivals: Zur Ausgabe Nr. 3

DANCE 1991 – Zeit-Räume

Konnte man beim letzten Festival die Mitglieder des legendären experimentellen Judson Dance Theatre ausschließlich im Filmprogramm erleben, so gab es 1991 erstmals die Gelegenheit, drei ChoreographInnen des einstigen Kollektivs live in München zu erleben.

Konstanze Vernon holte Bettina Wagner-Bergelt 1989 als Dramaturgin ins Team des Bayerischen Staatsballetts, das ein Jahr zuvor als eigenständige Kompanie gegründet wurde. Während sie sich dort dem Aufbau eines modernen Repertoires widmete, übernahm das 1990 gegründete Kulturbüro (Hortensia) Völckers & (Martin) Bergelt die Leitung des Tanzfestivals. Der thematische Schwerpunkt für das 3. Internationale Tanzfestival war mit „Zeit-Räume“ gesetzt. DANCE wurde in den Herbst verlegt. Die Blackbox im Gasteig und das Theater an der Leopoldstraße der Rudolf Steiner Schule kamen als weitere Aufführungsorte hinzu.

Konnte man beim letzten Festival die Mitglieder des legendären experimentellen Judson Dance Theatre ausschließlich im Filmprogramm erleben, so gab es 1991 erstmals die Gelegenheit, drei ChoreographInnen des einstigen Kollektivs live in München zu erleben und dies mit bedeutenden Werken. Lucinda Childs’ spektakuläre Choreographie „Dance“ (1979) wurde am Eröffnungsabend im Carl-Orff-Saal aufgeführt. Sie entstand mit dem Komponisten Phil Glass und dem bildenden Künstler Sol LeWitt. Das Publikum sah den Tanz und den gefilmten Tanz (von LeWitt) in zeitlicher Verdoppelung. Eine der Sternstunden des Postmodern Dance.
Steve Paxton, ein Meister der Contact Improvisation, tanzte solo zu Glenn Goulds „Goldberg Variations“ und mit Lisa Nelson in „PA RT“ zu Text und Stimme von Robert Ashley (1979). Trisha Brown, die seit Ende der 1970er Jahre wieder in traditionellen Bühnenräumen zu arbeiten begann, gastierte mit ihrer Kompanie im Carl-Orff-Saal mit fünf Choreographien der letzten 13 Jahre. Für das jüngste Stück „Foray Foret“ kreierte Robert Rauschenberg das Bühnenbild wie bereits für „Set and Reset“ (1983), das auch zu sehen war.
 
Eine kleine Retrospektive war Gerhard Bohner gewidmet mit seinen drei Fassungen von „Im (Goldenen) Schnitt I, II, III“ (1989) sowie den „Folterungen der Beatrice Cenci“ (1971), die eine Neueinstudierung mit dem Bayerischen Staatsballett erlebte, kombiniert mit Ohad Naharins „Tabula Rasa“ (1986).
 
Mit einer Art Kammerspiel gab der Choreograph und Tänzer Saburo Teshigawara aus Tokio mit seinem Solo „Bones in Pages“ sein München-Debüt. Das Publikum blickte durch eine unsichtbare Wand auf den Tänzer und seine Installation, die er „Dance of Air“ nennt. „Zwar teilt er das strikte Formbewußtsein des älteren und jüngeren japanischen Tanzes, doch der Schlüssel zu seiner Arbeit liegt in der Konzeption des Raumes. Wie der belgische Choreograph Jan Fabre kommt auch Saburo Teshigawara von der bildenden Kunst, doch geht er einen anderen Weg als der mit dem Aufspüren von Zwischenräumen befaßte Fabre“, schrieb die Kritikerin Edith Boxberger („Bewegung vor der Bücherwand“, „Tanz International 1/92“). Fabre wiederum brachte seine Neuproduktion „Sweet Temptations“ nach München. In Zusammenarbeit mit der Reihe „Grenzgänge“ war in der Blackbox die Klanginstallation „Nachtzeit“ von Christina Kubisch mit einer Choreographie des Australiers Rhys Martin und seiner Partnerin Jessica Ebert im Spätprogramm zu sehen. Die Compagnie Bagouet aus Montpellier zeigte das jüngste Stück ihres Choreographen Dominique Bagouet, „Necesito“. Es sollte das letzte Stück vor seinem Tod 1992 sein. Raimund Hoghe wird 2010 in seinem Stück „Wenn ich sterbe lasst den Balkon geöffnet“ seiner gedenken.
 
Als „Neuentdeckung des Jahres“ aus Deutschland wurde die Gruppe Neuer Tanz von der in Düsseldorf lebenden Französin Wanda Golonka und dem bildenden Künstler VA Wölfl angekündigt, mit deren Tanzstück „Leitz“ (1988) das Festival ausklang.

Im Hanser Verlag erschien eine Publikation zum Festival „Zeit-Räume“ mit Beiträgen von WissenschaftlerInnen und ChoreographInnen.
 
DANCE `91, 3. Internationales Tanzfestival München
Veranstalter: Kulturreferat des LH München, Fachbereich Musik, Theater, Leitung: Brigitte Kohl
Gefördert durch das Siemens Kultur Programm
Festivalpartner: Bayerische Staatsoper, Bayerisches Staatsballett, Theater Erlangen, Institut Francais de Munich, Beck Forum Kunst & Kultur, Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, Kunstverein München, Gasteig, Penta Hotel
Künstlerische Leitung und Organisation: Völckers & Bergelt
Spielorte: Gasteig (Carl-Orff-Saal, Blackbox), Bayerisches Staatsschauspiel/Marstall, Theater in der Leopoldstraße
Zeitraum: 27. September bis 7. November 1991

Begleitprogramm: Vortragsreihe „Zeit-Räume“ im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig; „Rudolf von Laban – Körperzeichen und Raumschrift“, Ausstellung im Foyer Kleiner Konzertsaal; „Raum, Zeit und Körper im Tanz des 20. Jahrhunderts“, Tanzfilmreihe im Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum; „Jan Fabre“, Ausstellung im Kunstverein München; Vortrag „Lucinda Childs“ in der Neuen Pinakothek


Von Brygida Ochaim