Geschichte des DANCE-Festivals: Zur Ausgabe Nr. 4

DANCE 1993 – ORDNUNG UND ZERSTÖRUNG

Bei DANCE ’93 wagten die FestivalkuratorInnen auch weniger etablierte zeitgenössische Tanzproduktionen einzuladen, da man davon ausging, anhand des bisher Gezeigten das Publikum für Experimentelles sensibilisiert zu haben.

In der 4. Ausgabe des Festivals entschied man sich für eine knapp dreiwöchige Laufzeit, was zu einer Verdichtung des Programms führte. Erstmals trat mit Northern Telecom ein Hauptsponsor in Erscheinung. Die Münchner Tanzbiennale hatte sich inzwischen zu einem der wichtigsten Festivals in Deutschland entwickelt. Aufgrund dieses Erfolgs wagten die FestivalkuratorInnen bei DANCE ’93, auch weniger etablierte zeitgenössische Tanzproduktionen einzuladen, da man davon ausging, anhand des bisher Gezeigten das Publikum für Experimentelles sensibilisiert zu haben.

Das Motto des Festivals lautete „Ordnung und ZerStörung“. Unter diesem sehr weitgefassten Thema wurde „ein Querschnitt der jüngsten Entwicklungen im Medium Tanz, Tanztheater, Performance geboten – ein Medium, das wie kein zweites geeignet scheint, die gegenwärtigen kulturellen Erschütterungen zu reflektieren“, schreibt Siegfried Hummel, seit 1989 amtierender Kulturreferent der LH München im seinem Grußwort. Mit der provokativen Überschrift „Pornos in der Panzerhalle“ wurde in der „Abendzeitung“ (Roland Schmidt, 6./7.3.1993) das Festival-Programm angekündigt, womit bereits indirekt auf einen der Höhepunkte hingewiesen wurde. Der gebürtige Iraner Reza Abdoh (1963–1995), seit 1980 in den USA, war mit seiner in New York gegründeten Company Dar a Luz in der Panzerhalle auf dem Domagkgelände zu sehen. In seiner neuesten Arbeit „The Law of Remains“ porträtierte er den Serienmörder Jeffrey Dahmer in der Art eines zeitgenössischen Theaters der Grausamkeit, dessen Leben er mit der Pop-Ikone Andy Warhol verwob. Das Publikum erlebte die DarstellerInnen hinter einem Maschendrahtzaun in einem Szenario aus „Sex, Mordlust, Kannibalismus und ohrenbetäubendem Lärm“.
Die genreübergreifende Performance „Der, Die, Das“ wurde von der dänischen Regisseurin Kirsten Dehlholm und ihrer Gruppe Hotel Pro Forma speziell für die Räume des Kunstvereins konzipiert. Erneut mit dabei waren die Gruppe Neuer Tanz von Wanda Golonka und VA Wölfl mit ihrer Neuproduktion „RCA – reich, zivilisiert, arrogant“ und Saburo Teshigawara, diesmal mit seiner Kompanie Karas im Carl-Orff-Saal. In der neuesten Choreographie „Noiject“ (noise-object) agierte ein schwarz vermummter Bewegungschor zu Industrielärm in einem Bühnenraum, dessen Wände und Boden mit großen Metallplatten ausgekleidet waren. Auch in seinem zweiten Tanzprojekt „Dah Dah Sko Dah Dah“ (1990) schuf er ein düsteres Kaleidoskop. Von den „Schönheiten und Schrecken der Liebe“ handelte „Lover Man“ von Nadine Ganase, einst Tänzerin in De Keersmaekers Ensemble Rosas. Mit „Tauride“ wandte sich Catherine Diverrès einem aktuellen politischen Thema zu, dem Balkankrieg. In einer Reihe von Spätvorstellungen in der Black Box gab die 28-jährige amerikanische Newcomerin Meg Stuart ihr München-Debüt mit dem Solo „Thought Object, Ready Made“. Die Holländerin Annamirl van der Pluijm, Extänzerin bei Jan Fabre und Reinhild Hoffmann, zeigte ihr Erstlingswerk „Solo I“ in fünf Selbstbildern und Grace Ellen Barkey, Mitbegründerin der Needcompany, gab mit ihrer ersten eigenen Inszenierung „One“ gleichfalls ihren Einstand.
 
Es erschien eine Sondernummer der Zeitschrift „Akzente“ (2/93) im Carl Hanser Verlag mit Beiträgen zur Festivalthematik.
 
DANCE `93, 4. Internationales Tanzfestival München
Veranstalter: Kulturreferat des LH München, Fachbereich Musik,Theater, Tanz, Leitung: Brigitte von Welser
Festivalpartner: TAT Frankfurt, NT Northern Telecom, Gasteig, Institut Francais de Munich, Bayerische Rück, Beck Forum Kunst & Kultur, Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, Kunstverein München, Panzerhallen GmbH, Munich Penta Hotel
Künstlerische Leitung und Organisation: Völckers & Bergelt
Spielorte: Gasteig (Carl-Orff-Saal, Blackbox), Kunstverein München, Panzerhalle
Zeitraum: 19. Mai bis 6. Juni 1993


Begleitprogramm: „Ordnung und Zerstörung“, Ausstellung in der Künstlerwerkstatt Lothringerstr 13 kuratiert von Noemi Smolik; „Körper und Gewalt“, Filmprogramm im Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, zusammengestellt von Alice Bihlmeir; Videoprogramm im Vortragssaal der Bibliothek als Angebot, sich mit neuen und außergewöhnlichen Konzepten im Tanz auseinanderzusetzen.

Von Brygida Ochaim