Die Geschichte des DANCE-Festivals: Zur Ausgabe Nr. 10

DANCE 2006 – KÖRPER SPHÄREN

Das letztmals von Cornelia Albrecht kuratierte Festival präsentierte Auseinandersetzungen mit Klassikern, setzte die Kanada-Kooperationen fort und brachte nackte Körper auf die Bühne.

Gleich zwei exzeptionelle Produktionen setzte Cornelia Albrecht – zum vierten und letzten Mal Kuratorin – am Eröffnungstag aufs Programm der 10. Festivalausgabe. Im Carl-Orff-Saal präsentierte Dave St. Pierre die Uraufführung von „Un peu de tendresse bordel de merde!“, das zweite Werk des kanadischen Shooting Stars. Der Zutritt erst ab 16 Jahren, die Bitten des zweiten Bürgermeisters und der Kuratorin ans Publikum, nicht zu gehen, sowie die Erklärung des Choreographen vor der Premiere, nur aus Respekt vor Albrecht sein Stück mit modifizierten Passagen zu präsentieren, ließen den Verdacht auf Zensur aufkeimen. Schon während der Saal sich füllte, hatten sich – noch bekleidete – Tänzerinnen und Tänzer durch die Zuschauerreihen gezwängt. Am Ende glitschten die 20 Körper des aus SchauspielerInnen und TänzerInnen gemischten Ensembles nackt und elegisch in goldenem Dämmerlicht über die Bühne; zuvor befriedigte sich die Conferéncière mit Schokotorte, hüpften und kreischten die nackten Männer, schüttelten ihre blonden Perücken und ruckelten im Genitalbereich (in den Proben waren diese Nackten auch noch auf Tuchfühlung mit dem Publikum gegangen). Trashige Beziehungsmomente und Selbstentblößung standen freilich nicht im Widerspruch zu St. Pierres Leitbegriff „Zärtlichkeit“.

Zuvor zeigte auf der glasüberdachten E.ON Piazza des Energiekonzerns die Trisha Brown Dance Company in deutscher Erstaufführung ein Programm früher Stücke aus den 70er Jahren, die im folgenden Jahr zu den Highlights auf der documenta 7 zählten. Ein Dreierabend neuer Stücke Browns im Gärtnerplatztheater bestätigte beim Festival die Reflexivität und Poetizität des Postmodern Dance sowie dessen Relevanz für die Gegenwart. Passend dazu gab es ein Re-Doing von Allan Kaprows legendärem „18 Happenings in 6 Parts“ von 1959, kuratiert von André Lepecki im Rahmen einer großen Retrospektive „Allan Kaprow. Art as Life“ im Haus der Kunst. Ergänzt wurden die dreimalige Aufführung und die Ausstellung durch einen kopräsenten Kommentar „Lehmen macht“ des Berliner Choreographen Thomas Lehmen sowie ein international besetztes Symposium.

Mit zwei modernen Klassikern setzte sich das Ballet Preljocaj auseinander, einmal mit der Live-Performance „Empty Words“ (1977) von John Cage, zum anderen mit Strawinskys „Les Noces“ (1923). Choreograph Angelin Preljocaj feierte mit seinen TänzerInnen sowohl in den Variationen reiner Bewegung als auch in der kraftvollen und dunklen Wildheit seines Erfolgsstücks „Noces“ eine prägnante sinnliche Ästhetik. Chris Ziegler schuf diesmal eine mediale Installation – einen „Wald“ aus Neonröhren –, in der sich Licht, elektronisch generierter Klang und Tanz zu einem Performance Environment verknüpften und in der auch das Publikum sich bewegen und Effekte erzeugen konnte. Ebenfalls zum dritten Mal in Folge zu Gast war Christian Rizzo, bekannt für seine rätselhaften Bühnenwelten und Metamorphosen. Unter dem Leerstellen-Titel „.../...(b)“ eröffnete der Bassist Bruno Chevillon mit dem Tänzer Rizzo einen vibrierenden Dialog zwischen Bild-Parametern und Musik. Einen intimen Dialog mit Musik aus dem „Wohltemperiertem Klavier“ führte die Tänzerin Maria Muñoz in „Bach“, einem Solo, das inzwischen zu einem Klassiker des spanischen Tanzes avancierte.

Japanische akustische und digital basierte Kunst verband Jayachandran Palazhy, der Leiter des Attakkalari Centre for Movement Arts in Kerala, mit Formen traditionellen indischen Tanzes. Mit japanischen Kontexten beschäftigte sich auch eine weitere der vier Uraufführungen des Programms: „The Travels of Mariko Horo“ der in München lebenden Medienkünstlerin Tamiko Thiel kehrte die europäische Perspektive auf die Fremde um, BesucherInnen konnten sich selbst mit einer virtuellen Kunstfigur auf die Reise in den Westen begeben; abends wurde die Installation zur Bühne einer Live-Performance mit den Tänzern Shinichi Iova-Koga und Ishide Takuya im von Thiel gesteuerten virtuellen Raum. Zwei Uraufführungen für Philip Taylors balletttheater münchen des Gärtnerplatztheaters steuerten der Londoner Richard Alston mit dem virtuosen „Sheer Bravado« und die finnisch-amerikanische Choreographin Carolyn Carlson mit „Separation“ bei, dessen Thema Trennungen – zu einem Stoff von Yukio Mishima und einem Streichquartett von Philip Glass – wie fast alle Produktionen exemplarisch für die Reichweiche des Festival-Mottos stand, das Körper und Sphären zugleich trennt wie verbunden sieht.

Wieder Kanada und die Vielfalt seiner Tanzszene in den Fokus rückten neben St. Pierre zwei Tänzerinnen: Sarah Chase, die in ihren bezaubernden Tanzgeschichten persönliche Erinnerungen und kulturelles Archiv ineinander fügt, und die virtuos-radikale Louise Lecavalier. In einem von Tedd Robinson choreographierten Duett „Lula and the Sailor« brillierte sie ebenso atemberaubend wie in den ihr auf den Leib geschneiderten Soli „Lone Epic“ von Chrystal Pite und dem minimalistischen „,I‘ Is Memory“ von Benoît Lachambre. Die Münchner Choreographin Mia Lawrence entwickelte gemeinsam mit Studierenden der von Anne Teresa De Keersmaeker geleiteten Brüsseler Schule P.A.R.T.S. eine Auseinandersetzung mit der Architektur des neuen Gebäudes der Münchner Kunstakademie von Coop Himmelb(l)au.

Nackte Körper auf die Bühne brachten nochmals – mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Strategien – Lia Rodrigues sowie Jan Fabre. Die Wegbereiterin des zeitgenössischen Tanzes in Brasilien, die mit ihrer Kompanie in einer Favela unterrichtet, nahm für ihr Stück „Incarnat“ (Fleischwerdung) Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten“ zum Ausgangspunkt einer politischen Reflexion des ungeschützten Körpers und der auf ihn gerichteten voyeuristischen Blickregime. Der Multikünstler Jan Fabre aus Belgien, dessen Kreaturen die schmerzhafte Transformation nicht fremd ist, präsentierte zwei Soli: In „Quando l’uomo principale è una donna“ gleitet die nackte Tänzerin in Olivenöl über die Bühne, verwandelt sich gleichsam zum Tier, zu einer androgynen Gestalt. Fabre zelebrierte hier eine utopische Weiblichkeit und die Kraft zur Metamorphose, während er in „Angel of Death“ – im Viereck von Videoprojektionen mit William Forsythe – mit der Tänzerin Ivana Jozic das Schillern des Hermaphroditischen und der Identität inszenierte.

DANCE 2006, 10. Internationales Festival des zeitgenössischen Tanzes der Landeshauptstadt München
Veranstalter: Kulturreferat des LH München, Kulturreferentin: Prof. Dr. Dr. Lydia Hartl, Abteilung „Kulturelle Veranstaltungen und Programme“: Hagen Kling
Mitveranstalter: Spielmotor München e. V. in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz, i-camp / Neues Theater München, Haus der Kunst
Festivalpartner: Regierung von Québec, Conseil des Arts et des Lettres du Québec, Botschaft von Kanada in Berlin, Bureau du Theâtre et de la Danse / Französische Botschaft, CULTURESFRANCE, Institut Français de Munich, Instituto Cervantes, Institut Ramon Llull, Haus der Kunst, Akademie der Bildenden Künste München, P.A.R.T.S., Tanztendenz München, Münchner Volkshochschule, Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, Stadtforum München, Gasteig München GmbH., E.ON Energie
Künstlerische Leitung: Cornelia Albrecht
Spielorte: E.ON Piazza, Muffathalle, i-camp / Neues Theater München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Gasteig (Carl-Orff-Saal, Black Box), Filmmuseum, Haus der Kunst, Akademie der Bildenden Künste
Zeitraum: 28. Oktober bis 12. November 2006

Begleitprogramm: Regina Schmeken: Fotoinstallation „Unter Tänzern“ am Celibidacheforum des Gasteig; Attakkalari Mouvement Atelier im Gasteig; Tanzfilme von Michael Blackwood, Babette Mangolte und Robert Rauschenberg zu Trisha Brown und Kontexten des Postmodern Dance im Filmmuseum; Symposium „Allan Kaprow. Art as Life“ im Haus der Kunst


Von Thomas Betz