Die Geschichte des DANCE-Festivals: Zur Ausgabe Nr. 13

DANCE 2012 – ZEIGEN WAS WICHTIG IST

In dem von Nina Hümpel und Dietmar Buroch kuratierten Programm konnte man das Tanzland Flandern wieder oder neu entdecken, das seit den 80er Jahren die Entwicklung der zeitgenössischen Ästhetik in Europa entscheidend mit geprägt hatte.

Erstmals wieder seit den frühen Jahren kuratierte ein Team das Festival. Dieter Buroch war seit 1998 Intendant des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm, hatte viel Tanz gezeigt und selbst produziert, besaß langjährige Erfahrungen im Kulturmanagement, auch als Prokurist kultureller Einrichtungen, und hatte beste internationale Kontakte. Die Münchnerin Nina Hümpel hatte Theater- und Tanzwissenschaft studiert und ist seit 1996 Herausgeberin von tanznetz.de, einer der bedeutendsten Internetplattformen für Tanz in Europa; sie verfügt über die nötige Vernetzung in der Münchner Szene. Das KuratorInnen-Duo konzentrierte die Spielzeit auf 11 Tage, zeigte etwa gleich viele Produktionen wie die Vorgängerinnen. Kulinarische Qualitäten bewies das DANCE-Kochbuch mit Lieblingsrezepten von am Festival Beteiligten, die auch im Festivalzentrum, dem Café im Müller’schen Volksbad, auf der Speisekarte standen. Das Festival-Motto war kein thematisches, sondern das Prinzip und Ideal jedes Veranstalters: zu zeigen, was wichtig ist. Letzteres kann man vorab kommunizieren und dann mit dem Publikum diskutieren; schwieriger ist, das zu kriegen, was man zeigen will.

Eröffnet wurde mit dem aktuellen Stück von Sidi Larbi Cherkaoui. Der marokkanisch-flämischstämmige Belgier montierte mit „Puz/zle“ archaische, ritualhafte Bewegungs- und Bildkompositionen, mit steinernen Wänden und virtuellen Projektionsräumen, zu korsischem Männer-Gesang, einer libanesischen Sängerin und japanischer Flöten- und Trommelmusik. Charkaoui hatte in Anne Teresa De Keersmaekers Schule P.A.R.T.S. in Brüssel gelernt und im neuen Jahrtausend als Ensemblemitglied in Alain Platels les ballets C de la B zu choreografieren begonnen. Schon 2002 wurde er mit dem Prix Nijinsky als weltbester Nachwuchschoreograph ausgezeichnet, 2011 mit zwei Oliver Awards, 2008 und 2011 von der Kritik zum besten Choreographen gewählt. Ein Beispiel für die erstaunliche Produktivität und die aktiven Tanznetzwerke in Flandern. Der Festivalschwerpunkt widmete sich denn auch dem Phänomen, wie eine so kleine Region über drei Jahrzehnte lang herausragende zeitgenössische Tanzkunst und immer neue innovative ProtagonistInnen hervorgebracht hat.
 
Als Meisterwerke feierte die Kritik die neuen Produktionen von De Keersmaeker und Wim Vandekeybus, zweier flämischer Leitfiguren in Europa. Vandekeybus zeigte „Monkey Sandwich“, eine Film-Performance: Auf der raumfüllenden Leinwand spielt in drei Teilen die Geschichte eines Protagonisten, der als Regisseur, Landschaftsplaner, Jäger mit schlimmen Folgen Grenzen überschreitet. Die komplex erzählte und höchst intensiv verkörperte Filmhandlung endet mit einer hallunizatorischen Vater-Sohn-Konstellation und trifft auf eine für die Zuschauer kopräsente, ebenso intensive Live-Performance. De Keersmaeker schuf in „Drumming Live“ zur Musik von Steve Reich, die aus einem Rhythmus durch Vervielfachungen und Überlagerungen eine komplexe Spannungsstruktur entwickelt, aus einer Bewegungsphrase eine ebenso komplexe Choreographie, energetisch und gelöst, virtuos und lässig heiter – ein Höhepunkt zum Abschluss.
 
Aus Flandern eingeladen war auch der radikale Protagonist Jan Fabre mit „Praeparatio Mortis“, einer Feier des Todes, mit einem aus unzähligen, duftenden Blumen aufgetürmten Katafalk und einem Glassarg, in dem die Tänzerin zuletzt von Schmettelingen umschwirrt wird. Erna Ómarsdóttir hatte bei P.A.R.T.S. studiert und bei Fabre, les ballets C de la B und Cherkaoui getanzt, als Choreographin zeichnete sie sich durch mysteriöse Zuspitzung und bizarre Welten aus, so auch in „We saw Monsters“, einer Mischung aus Performance, Heavy-Metal-Konzert und Horrorshow. Hans Van den Broeck wiederum war Mitbegründer von Alain Platels les ballets C de la B und präsentierte mit seiner Kompanie SOIT „Messia Run!“. Hier taumeln und wüten sechs TänzerInnen durch ein Hinterzimmerambiente mit 100 Stühlen, auf der Suche nach Antworten in der destabilisierten Gesellschaft, nach einem Messias. Auch auf der Suche, scheinbar sich selbst genug, sind die fünf jungen Männer in „Chicks for money and nothing for free“ der Koopergietery aus Gent; sie sprühen Rasierschaum und Bier in einer Körperkampf-Parade bis zur totalen Verausgabung, so intensiv wie vergnüglich zu verfolgen für Zuschauer ab 15 Jahren – als Teil einer kleinen „Männer“-Serie des Festivals sowie des Angebots für junges Publikum mit Johanna Richters Münchner Produktion „Intimate Stranger“, wo sechs Männer in einem anonymen Apartmenthaus sich begegnen und kennenlernen. Der jüngsten Generation von KünstlerInnen aus Flandern konnte man in dem Abend der Schule P.A.R.T.S. begegnen, auch in selbst choreographierten Stücken. Fragen nach den Bedingungen und dem möglichen Vorbildcharakter des flandrischen Tanzwunders ging eine große Diskussion nach, ebenso ein wissenschaftliches Symposium des Forschungszentrums Sound and Movement der Theaterwissenschaft München, das auch auf einzelne Produktionen des Festivals einging. Dokumentiert wurde dies in der 2014 erschienenen zweisprachigen Publikation „Säen und Ernten. Zeitgenössischer Tanz aus Flandern“. Und mit dem Brüsseler Quartett BL!NDMAN [sax] und der Metal-Band Lazyblood von Erna Ómarsdóttir kam auch die Musik zur Eröffnungs- und Abschlussparty aus der flandrischen Tanzszene.
 
Aus der Partner-Region Québec stand diesmal die Compagnie Marie Chouinard, CA auf dem Programm; im Auditorium der BMW Welt tanzte das Ensemble, behindert mit Prothesen, an Stangen, mit Stricken gefesselt – und so zur Virtuosität herausgefordert –, das hoch artifizielle „bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS“. Der Frankfurter Antony Rizzi mixte im Duett mit Irene Klein – beide einst bei Forsythe im Ensemble – in seinem Künstlergeplauder und seinen Verkörperungen die verehrten Kunst-Ikonen Pina Bausch, die Warhol-Muse Penny Arcade und den queeren Underground-Filmer Jack Smith. Bei Rizzis „An attempt to fail at ground breaking theatre with Pina Arcade Smith“ lag die Kunst dieses so trashigen wie persönlichen Happenings im Scheitern. Die Kanadierin Christal Pite, ebenfalls Ex-Forsythe-Tänzerin, nahm sich in „The Tempest Replica" Shakespeares Drama vor und montierte mit Schattenspiel, Geräuschen, Text- und Filmeinblendungen, die Geschichte Prosperos inmitten zuerst uniform weiß maskierter, dann emotional interagierender Figuren zu einer multimedialen und tanztheatralen Erzählung. Christoph Winklers „Solo Baader – Choreographie einer Radikalisierung“ griff zur Biographie des Terroristen, um das „das Böse“ im kulturellen Kontext zu untersuchen. Baader-Darsteller Martin Hansen war gerade in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „tanz“ zum Solisten des Jahres gewählt worden. Tanzschaffende der Münchner Szene konnten sich mit Konzepten für eine Neuinterpretation von John Cages„Sixteen Dances“ bewerben, und Stefan Dreher, Caroline Finn, Monica Gomis und Ludger Lamers gestalteten mit dem Orchester Jakobsplatz je vier der 16 Einheiten – mit einem divergierenden Spektrum an Strategien und Präsentationsformen. Viel näher am Original blieb hingegen „2: Dialoge with Lucinda“ von der in Amsterdam arbeitenden Nicole Beutler. Sie antwortete auf den Minialismus von Lucinda Child‘s „Radial Courses“ und „Interior Drama“ aus den 70ern mit einem Remake, das den Blick auf das Gehen im Kreis bzw. die Schritt- und Schwungqualitäten intensivierte und im geteilten Raum dem Publikum wörtlich und im übertragenen Sinn näherbrachte.
 
Einen Dialog mit dem Publikum, eine interkulturelle Konfrontation, eine Kombination von Kommentaren und virtuosem Tanz bieten Gintersdorfer/Klaßen in ihrer „Logobi“-Serie zum afrikanischen Straßentanz. Feinheiten, Witz und Klasse konnte man in der letzten Version „Logobi 05“ in München mit zwei Spitzentänzern erleben: Franck Edmond Yao, in Serie Preisträger des African Award in Paris, traf auf den ehemals schnellsten und wachsten Forsythe-Tänzer Richard Siegal. Der erhielt dafür den Theaterpreis Faust. Dass er nicht nur so schnell wie ein Eichhörnchen tanzen kann, sondern auch so langsam wie ein Schwan, wie die Dämmerung, bewies der in München optionsgeförderte Choreograph Siegal in seinem intermedialen Solo „Black Swan“, das dichterische, patriotisch-amerikanische und sarkastische Texte – gesprochen, gesungen, von einem Algorhythmus in Schrift übersetzt – als ein Overload aus Fragmenten öffnete und zu einer poetischen Verstörung verdichtete, die im Dunkel verblieb mit der Frage „Where to? What next?“.

Von Thomas Betz