Die Geschichte des DANCE-Festivals: Zur Ausgabe Nr. 14

DANCE 2015

Neuerungen: 2015 fand Dance, erstmals wieder seit 1987, im Mai statt, etablierte ein Outdoor-Format und brachte die Möglichkeit, KünstlerInnen gleich mehrfach zu erleben.

In den 11 Tagen des Festivals konnte man 20 ChoreographInnen aus 11 Ländern sehen, letztere Primzahl hatten auch schon frühere Ausgaben verzeichnet. Allerdings waren die Produktionsländer im Programmheft nicht mehr eigens angezeigt – der Kuratorin Nina Hümpel ging es nicht darum, möglichst viele (un-)bekannte Größen aus der Ferne zu importieren. Sondern, wie sie 2012 schon bekundete, um Qualität und programmatische, zukunftsweisende Relevanz – und um die Vermittlung an ein möglichst großes Publikum. Auch teure Uraufführungen und viele deutsche Erstaufführungen, wie entdeckungsfreudige Kritiker und Insider es schätzen, waren für sie nicht der Maßstab. „Eine Compagnie wird dadurch nicht schlechter, dass sie schon auf anderen Festivals zu sehen war“, meinte sie im Gespräch zum Flandern-Schwerpunkt 2012 („Säen und Ernten“, 2014). Zu den Erfolgsstücken, die bisher an München vorbeigingen, zählten 2015 etwa das aktuelle, ergreifende Altenheim-Drama „Vader“ von Peeping Tom aus Brüssel oder das Tanz-Konzert „Coup fatal“, eine Kooperation des Brüsseler Stadttheaters (KVS) mit Alain Platels les ballets C de la B aus Gent und dem Countertenor Sege Kakudji und Musikern aus dem Kongo. Die beiden belgischen Produktionen setzten gleichsam den Flandern-Schwerpunkt von 2012 fort, wie schon am Eröffnungsabend les ballets C de la B in dem von Kaori Ito choreographierten „Asobi. Adult Game“, einem Spiel mit Grenzüberschreitungen der Körper und dem Voyeurismus des Publikums.

2015 gab es also kein Motto, die Marke DANCE sprach ja seit vielen Jahren für sich – und präsentierte sich mit einem neuen Schriftzug, der aus dem Studierenden-Wettbewerb von 2012 hervorgegangen war. Als ein Kriterium für die Programmauswahl erwiesen sich ästhetische Strategien des Cross-over, tänzerische und musikalische Fusionen: Bei „Coup fatal“ etwa verbinden sich afrikanische Polyrhythmik und poppiger Jazz mit Händel, Gluck und Monteverdi. In „Landscape“ des japanischen Choreographen Saburo Teshigawara treffen Bachs „Goldberg-Variationen“ und sein „Wohltemperiertes Klavier“ auf John Cages frühes, lyrisches Klavierstück „In a Landscape“ von 1948 und auf die Techno-Klänge des luxemburgischen Komponisten Francesco Tristano live am Klavier, verflochten mit dem virtuos präzisen und meditativen Tanzen Teshigawaras und seiner Partnerin Rihoko Sato. In Christian Rizzos „D’après une histoire vraie“ verschmilzt folkloristischer Männertanz mit zeitgenössischen Bewegungsformen zu einem neuen Tanzritual der Gemeinsamkeit. Und Trajal Harrell kombinierte die Antigone-Tragödie mit Drag-Selbstinszenierung und Voguing-Präsentation, in München gab es die Large-Version seiner Serie zu sehen: „Antigone Sr. Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (L)“.

Ein kleiner Länderschwerpunkt war israelischen Produktionen gewidmet: Mit witzigem, bitterbösem Sarkasmus pointiert Hillel Kogan mit dem arabischen Tänzer Adi Boutros in „We Love Arabs“ nationale, religiöse und kulturelle Stereotype. Ein intimes Duett des Zusammenlebens, das international ausgezeichnete „Two Room Apartment“ kreierten 1987 Liat Dror und Nir Ben Gal, ein Paar in Kunst und Leben. Diesen Klassiker der israelischen Tanzgeschichte interpretierten nun Niv Sheinfeld und Oren Laor und gaben ihm – im Kontext ihrer privaten Partnerschaft – eine queere und neue Lesart. Und Sharon Eyal – früher Hauschoreographin der Batsheva Dance Company – tanzte mit ihrer eigenen Kompanie L-E-V deren Debüt-Stück „House“, in Eyals singulärer, die Gaga-Technik radikalisierender Bewegungssprache, zum Techno-Sound von Ori Lichtik: energiegeladen auch in extremer Verlangsamung, im Dunkel schimmernd, in unaufhörlichem, präzisem Driften, bis beim Zusehen der Atem stockt. Ebenfalls ein Driften und eine Hommage an die Nacht boten die drei Soli des Münchners Micha Purucker, „radio *luma: into the night“. Helena Waldmann, zum dritten Mal beim Festival, hatte sich wieder mit einem brisanten politischen Thema beschäftigt, der Ausbeutung von Näherinnen. In „Made in Bangladesh“ kombiniert sie Kathak-Tanz mit Nähmaschinen-Rhythmus und kontextualisiert die dortigen Arbeitsbedingungen mit dem hiesigen Kunstprekariat der freien Szene. Eine Entdeckung von Nina Hümpel war der junge chinesische Choreograph Yang Zhen, der in „Just Go Forward“ mit jungen Tänzerinnen der Minzu University deren Position zwischen Tradition und Moderne verhandelt, die Rolle der Frau und das fragile Individuum in einer kollektiv ausgerichteten Gesellschaft.
 
Der Münchner Stefan Dreher inszenierte outdoor im Celibidacheforum vor dem Gasteig-Gebäude einen intensiven und eindrucksvollen Tanzmarathon, sechs Stunden täglich wurde ohne Unterbrechung getanzt, bei Regen und brennender Sonne; GasttänzerInnen beim Festival oder aus der Münchner Szene flochten sich ein. Über alle 11 Tage des Festivals erstreckten sich diese „Dancing Days“, faszinierten Tanzfans und fanden Aufmerksamkeit beim vorbeieilenden Zufallspublikum. Man hatte nämlich das Festival aus dem zweijährigen Turnus verschoben, um im späten Frühjahr den Außenraum nutzen zu können. (Und zeitlich, Ende März, in Kooperation eine Produktion des Muffatwerks vorgeschaltet, die an sechs Tagen Musik und Tanz aus arabischen Ländern präsentierte.) In sogenannten Doppelspielen wollte Kuratorin Hümpel zwei Facetten von KünstlerInnen zeigen: Neben „Vader“ präsentierte Peeping Tom „The Land“ als Uraufführung beim Residenztheater, erstmals eine Produktion mit einem Schauspielensemble. Niv Sheinfeld & Oren Laor gaben Workshops, und Christian Rizzo zeigte zusätzlich drei Filme. Das Bayerische Staatsballett präsentierte einen Dreierabend „Portrait Richard Siegal“ mit „Unitxt“, seiner ersten Choreographie für ein Ballettensemble von 2013, das vetrackt-rasante „Metric Dozen“ von 2014 und die neue Kreation „In A Landscape“ – und dazu gab es Siegal noch in einer Lecture Performance zu hören beim dreitägigen Symposium „Zitieren, Kommentieren, Archivieren – Formate der Lecture Performance“. Ebenso wie Raimund Hoghe, der dafür eine Lecture Performance „Ich erinnere mich“ kreierte und im Carl-Orff-Saal sein dreistündiges „Quartet“ zeigte, in dem er gemeinsam mit seinen meisterlichen TänzerInnen kleine Gesten in die Luft wirft oder mit kleinen Dingen umgeht. Hoghe, nur selten in München zu Gast, „ist ein Meister dieser hauchzart gewebten Regungen“ (Melanie Suchy, „tanz“, Mai 2015).

DANCE 2015, 14. Internationales Festival des zeitgenössischen Tanzes der Landeshauptstadt München
Veranstalter: Kulturreferat des LH München (Kulturreferent: Dr. Hans-Georg Küppers, Abteilung 1 / Darstellende Kunst, Dr. Daniela Rippl)
In Zusammenarbeit mit: Spielmotor München e. V.
Kooperationspartner, Förderer Koproduzenten: Acces to Dance, AMD Akademie Mode & Design GmbH, Bayerisches Staatsballett, Café-Restaurant im Müller’schen Volksbad, Gasteig München GmbH, Dokumentarfilmfestival München, Iwanson International – Schule für zeitgenössischen Tanz, LMU München, Münchner Kammerspiele, Muffatwerk, Pasinger Fabrik, PAT Performing Art Talks, Piano-Fischer, Residenztheater, Schauburg – Theater der Jugend, schwere reiter, Tanz und Schule e.V., Tanztendenz München e.V.
Künstlerische Leitung: Nina Hümpel
Künstlerische Beratung: Dieter Buroch
Text und Dramaturgie: Dr. Katja Schneider
Spielorte: Muffatwerk (Muffathalle, Ampere), Gasteig (Carl-Orff-Saal, Black Box, Celibidacheforum) schwere reiter, Residenztheater (Cuvilliéstheater), Kammerspiele (Werkraum), Nationaltheater, Schauburg – Theater der Jugend, Filmmuseum
Festivalzentrum: Café-Restaurant im Müller’schen Volksbad
Zeitraum: 7. bis 17. Mai 2015

Begleitprogramm: „Arabien im Fokus“, Tanz und Musik aus Tunesien, Algerien, Ägypten, Marokko und Palästina, 26.–31. März im Muffatwerk; Internationales Symposium „Zitieren, Kommentieren, Archivieren – Formate der Lecture Performance“, 15.–17. Mai in der Black Box des Gasteig, Konzept: Dr. Katja Schneider; „art lodge munich 2015“, Projektraum der Tanztendenz am 9. Mai im schwere reiter, Filmprogramm: „The Need to Dance“ von Peter Lataster und Petra Lataster-Czisch über Sidi Larbi Cherkaoui, 10. Mai im Filmmuseu sowie „Tourcoing, Paipeh, Tokyo“ von Christian Rizzo, 13.14. Mai im Muffatwerk; Workshops von Niv Sheinfeld und Oren Laor für SchülerInnen sowie Studierende von Iwanson International; Pilotprojekt für junge Tanzschaffende mit Mia Lawrence zum Tanzmarathon „Dancing Days“; PAT performance art talks, Vermittlungsformat junger Tanzwissenschaftlerinnen für FestivalbesucherInnen; Eröffnungs- und Abschlussparty am 7. und 16 Mai im Muffatwerk