Das war DANCE 2019 – ein Rückblick hinter die Kulissen

Die 16. Auflage des DANCE Festivals ist schon wieder Geschichte. Auch dieses Jahr war die Münchner Tanzbiennale wieder ein voller Erfolg. Doch was ist eigentlich hinter den Kulissen und im Team während der elf Festivaltage passiert? Wir blicken noch einmal auf unsere persönlichen Highlights (und Herausforderungen!) zurück.

Von Sarah Fischbacher und Peter Sampel

Donnerstag, 16. Mai – Let´s DANCE

Der Countdown zur großen Festivaleröffnung beginnt mit dem Umzug vom DANCE-Büro zum Festivalbüro in Raum 0131 im Gasteig. Ganze Kartons mit Programmheften, Sattelschonern, Flyern, Pocket-Kalendern, 500 Schuber mit 5000 Postkarten für die Dance History Tour und vieles mehr wird von unserem Fahrer Uli nach Haidhausen gebracht. Als am frühen Nachmittag das Team nach und nach eintrudelt, tanzt Ceren Oran mit ihren TänzerInnen bereits auf dem Celibedacheforum. Es gibt letzte Besprechungen, kleine Toi Toi Toi´s werden verschenkt, jeder isst noch schnell etwas und dann geht es Schlag auf Schlag. Um 18 Uhr eröffnet Nina den Tanzmarathon, um 18.30 Uhr offiziell das Festival und 30 Minuten später beginnt schon die Eröffnungspremiere “A Quiet Evening of Dance” von William Forsythe, gefolgt von “Minutemade for DANCE” in der Muffathalle. Bei der Eröffnungsparty tanzen und feiern alle ausgelassen. Die Anspannung der letzten Tage ist abgefallen, der Anfang ist erfolgreich geschafft.

Freitag, 17. Mai – How to Survive a Festival

So ein Festival ist lang und anstrengend. Da ist eine gute Vorbereitung ein Muss. Unsere ganz persönliche Empfehlung: eine Bauchtasche (vorzugsweise gelb) gefüllt mit einem Festival-Notfall-Kit, z.B.:

Deo (falls die Dance History Tour zu anstrengend war)
Kopfwehtabletten (nach einem Drink zu viel bei der Eröffnungsparty)
Kaugummi (wir sind ja alle Teamplayer...)
DANCE-Pocket-Kalender (man kann bei dem Programm schon einmal den Überblick verlieren)
Müsliriegel (wenn zwischen den Vorstellungen keine Zeit ist)
Schlüsselkarte für den Gasteig, Handy, Geld (Vertraue nicht darauf, dass dein Festival-Gehirn an alles denkt!)
oder auch gerne: Feuerzeug, Zigaretten und ein kleiner Energy Drink (schließlich heißt es “Festival”!)

Achtung! Bauchtaschen hängt man sich 2019 locker über eine Schulter, nicht um den Bauch! Das wäre uncool und total 1999. 

Samstag, 18. Mai – Die Stimmung ist im Keller

Erst der dritte Festivaltag und schon ist die Stimmung im Keller. Im Keller der Studiobühne! Hier geht es heute mit Tag zwei des Symposiums „Kontext/Kollisionen“ weiter. Für Stimmung hat gestern zum Beispiel schon Sebastian Matthias mit seinem Vortrag zum Thema „Groove“ gesorgt – er hat nicht nur vorgetragen, sondern auch vorgetanzt. Heute machen Brygida Ochaim und Thomas Betz den Anfang. Die beiden haben die DANCE History Tour mitkonzipiert und sind, was die Tanzgeschichte Münchens anbelangt, zwei wandelnde Lexika. Beim Symposium geht der Blick aber nicht nur in die Vergangenheit: ExpertInnen aus ganz Deutschland und der Schweiz erklären heute, was die Themen Augmented Reality und Megacities bei DANCE zu suchen haben. Zur Abschlussdiskussion schaut auch noch Benedict Mirow vorbei. Benedicts Film „Draw a Line“ über Richard Siegal hat heute Abend Premiere. Leider genau zur selben Zeit wie Jasmine Ellis’ neues Stück „Toni is lonely“. Das ist Festival-Feeling! Das DANCE-Team würde gerade gerne tanzen. Und zwar auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig.

Sonntag, 19. Mai – Platten, Pannen, Protestieren

Strahlender Sonnenschein, 22 Grad, Sonntag. Eigentlich perfekte Bedingungen für die Dance History Tour. Wenn da nicht diese unvorhersehbaren Pannen bei einem Festival wären:

10.45 Uhr: Ein Gast erscheint zum Treffpunkt am Künstlerhaus und hat kein Fahrrad dabei. Dass man das eigene Rad mitnehmen soll, sei nicht klar gewesen, sagt er. Zum Glück gibt es am Treffpunkt MVG Räder zum Verleih, die erste Hürde ist überwunden.
11.38 Uhr: Guide Miriam schreibt eine Whatsapp: “Wir haben einen Platten!” An der zweiten Station am Palais Schrenck-Notzing kann eine Tour-Teilnehmerin nicht mehr weiterfahren. Produktionsleitung Gina springt ein und stellt kurzerhand ihr Fahrrad zur Verfügung.
12.00 Uhr: Die GLÄNZENDE DEMO DER VIELEN trifft sich am Odeonsplatz und marschiert von dort aus in Richtung Königsplatz, genau entgegen der Route. Das war aber zum Glück vorhersehbar und so wurde eine Ersatzroute geplant.
13.28 Uhr: Die Demo verzögert sich, die Ersatzroute wird also nicht benötigt. Gina schreibt in Whatsapp an die Guides: “Demo geht jetzt erst los. Wo seid ihr?”
13.33 Uhr: Miriam antwortet von den Kammerspielen aus: “Wir fahren jetzt hoch zur Villa Stuck (die letzte Station). Hat alles gut geklappt.” Die Demo konnte also erfolgreich umfahren werden.

Gegen 14 Uhr ist die etwas abenteuerliche Dance History Tour erfolgreich beendet. Aber was wäre ein Festival, bei dem alles problemlos klappt, auch für ein Festival?

Montag, 20. Mai – Raum 0131 – Der Hohe Rat tagt

15 Uhr, Festivalbüro, Raum 0131 im Gasteig. Auf dem Tisch 1kg Erdbeeren, eine große Auswahl an Keksen und Müsliriegeln, eine Kanne starker Kaffee, Bio-Milch, Soja-Drink und acht Tassen. Nach vier ereignisreichen und vollgepackten Festivaltagen ist es Zeit für ein Zwischenresümee. Es sind die einzigen zwei Stunden in elf Tagen DANCE, bei der das gesamte achtköpfige Kernteam zusammensitzt. Die Organisation, Erlebnisse und erste Pressereaktionen werden besprochen und die zweite Festivalhälfte geplant. Wer geht wann zu den Proben von “BetweenTheDotsBeta” und “Delta”? Was ist für das Wochenende am Kreativquartier noch zu tun? Und wie können die kommenden Veranstaltungen noch beworben werden? Die Besprechung bietet für das Team eine gute Möglichkeit durchzuatmen und so bleiben alle nach dem “offiziellen” Teil noch für ein Käffchen im Büro.

Dienstag, 21. Mai – Hochwasserwarnstufe 2 

Land unter in München, es regnet in Strömen! Während das Team im Gasteig arbeitet, nimmt die Isar nur 200m daneben bedenkliche Ausmaße an. Auf den Brücken tummeln sich Schaulustige, der Radweg am Ostufer ist schon gesperrt. Das Team beginnt sich langsam zu fragen, ob die Muffathalle eigentlich Hochwasser-sicher ist. Nicht, dass die zweite Vorstellung von „Fúria“ ins (Isar-)Wasser fallen muss! Was leider wirklich ins Wasser fällt, ist die heutige Performance von „Who is Frau Troffea?“. Die TänzerInnen hätten vor der Muffathalle tanzen wollen, aber Organisationsleiter Walter ruft bei Ceren an und bittet sie, einen Tag Pause einzulegen. Die TänzerInnen sind frustriert – von den geplanten 77 Stunden fallen somit sieben Stunden weg.
Um 16 Uhr ein Lichtblick! Alle angemeldeten TeilnehmerInnen sind zur DANCE History Tour (mit Fahrrad, oho!) erschienen obwohl es weiterhin stark regnet. Gut, dass das DHT-Team Regenponchos und Sattelschützer für alle dabei hat. Am Abend kann „Fúria“ in der Muffathalle im Trockenen stattfinden. Aber die Isar steigt weiter…

Mittwoch, 22. Mai – Halbzeit und Happy Birthday 

Die Isar ist nicht weiter gestiegen! Regnen tut es zwar immer noch, aber Ceren und ihre PerformerInnen haben heute einen Weg gefunden, wie sie trotzdem auftreten können: Im Kulturzentrum am Giesinger Bahnhof öffnen sie die Türen zum Vorplatz, damit vorbeikommende Passanten „Who is Frau Troffea?“ sehen können. Schön trocken und gemütlich!
Gemütlich lässt es heute auch das Leitungsteam angehen. Praktikant Peter hat Geburtstag! Zum Anstoßen treffen sich alle um 13 Uhr in der Speiserei im Volksbad. Es wird gemeinsam gegessen, geratscht und zur Halbzeit auch mal durchgeatmet.
Um 16 Uhr steht die nächste Premiere an – die Augmented Reality „BetweenTheDotsBeta“. Peter (Trosztmer), der Initiator der Performance, trägt trotz Regen Flipflops als er zu Beginn allen TeilnehmerInnen ein Smartphone in die Hand drückt. Künstlerische Leitung Nina hat ihre Schwiegermutter mitgebracht, andere Teilnehmer ihre Kinder. Durch die Bank sind alle Altersstufen begeistert, wie hier Tanz in digitale Bilder überführt wird. Darauf kann man auch um 16:30 Uhr schon mal mit einem Premieren-Sekt anstoßen!

Donnerstag, 23. Mai – Überraschungen 

Tag 8 und so langsam kämpfen einige gegen erste Krankheitssymptome an, ganz zu schweigen von der Übermüdung. Gut, dass alle ihr Festival-Kit dabeihaben.
Bei der Dance History Tour stehen die Guides Lily und Peter heute vor einer kleinen Zusatzaufgabe. Da dieses Mal zwei Gäste mitfahren, die kein Deutsch sprechen, dürfen sie heute die Stationen des jeweils anderen simultan übersetzen. Keine leichte Aufgabe, spontan Begriffe wie “römischer Schreittanz” oder “Schleiertanz” zu übersetzen. Aber mit ein bisschen Improvisation und dank der unglaublich freundlichen und dankbaren Gäste wird diese Tour zu einer der stimmungsvollsten.
Am Abend im Festivalzentrum in der Speiserei im Müller´schen Volksbad berichtet Produktionsbetreuerin Angelika von einem Schockmoment im Gasteig. Dort hatte eine Putzfrau Requisiten von “Crowd” für Müll gehalten und weggeworfen. Zum Glück ist es rechtzeitig aufgefallen.
Es ist der letzte Tag, den das Team im Büro am Gasteig verbringt. Bereits am Nachmittag findet der Umzug zurück ins DANCE Büro im Kreativquartier statt.

Freitag, 24. Mai – Die gelbe Invasion

Bei strahlendem Sonnenschein leuchtet das Kreativquartier tiefgelb. An allen Ecken und Enden hat Spielmotor das Gelände mit den DANCE-Farben und -logos dekoriert. Bei genauerem Hinsehen fällt auch auf, dass mit jedem Tag auch die Outfits der Teammitglieder immer gelber geworden sind. Beim Briefing der Guides für das Wochenende Come Together! Right Now! durch Produktionsleiterin Veronika wird ausgeklügelt, wie man die gelben Tücher zur Erkennung am besten in das Outfit integriert. Ab 14 Uhr beginnt das einmalige Projekt. Ceren Orans Gruppe tanzt vor dem schwere reiter, Dieter (Buroch) eröffnet die Public Wall mit der Aufschrift “Why Should We Dance?”, an der sich alle Gäste verewigen dürfen und die Guides Fiona, Claudia, Philipp und Johannes und Praktikant Peter weihen den öffentlichen Urban Dance Floor mit “Uptown Funk” ein. Das Quartier füllt sich und die Initiativen öffnen für Workshops, Führungen und Ausstellungen ihre Türen. Der Start ist geglückt und wird spät am Abend mit der Premiere von Yang Zhens “Delta” gekrönt.

Samstag, 25. Mai – DANCE verbindet

Heute geht es schon um 10:00 Uhr los. Den Start macht KUNIRI mit einem Nähworkshop, im Import Export gibt es eine Werkstatt für Kinder, die Initiativen öffnen im Rahmen des „Ring my Bell“-Programms ihre Türen. Es ist richtig was los am Kreativquartier und dann… kommt die Feuerwehr! Aber nein, nicht die aus München, sondern aus Runkel. Runkel?! Was klingt wie eine seltene Gemüsesorte, ist in Wirklichkeit eine Kleinstadt in Hessen. Künstlerischer Berater Dieter hat die Runkeler zu DANCE eingeladen. Mit ihnen zusammen hat er das Kanalkonzert initiiert – aus allen Gullideckeln auf dem Gelände ertönt heute Musik. Vorab hat Dieter das DANCE-Team angehalten, etwas zum „aaner Bechern“ für die Truppe bereitzuhalten. 
Ob Flipflop-Mann Peter (Trosztmer) oder die ausschließlich kantonesisch sprechende Fan, die für „Delta“ zum ersten Mal nach Europa gereist ist – alle tummeln sich an diesem Tag im Kreativquartier. Und wieder einmal zeigt sich: Tanz kennt keine Sprachbarrieren. Die Stimmung ist großartig und es wird noch lange getanzt in dieser Nacht…

Sonntag, 26. Mai – 140 Stücke Pizza für 70 Stunden Tanz

Kopfweh! Wo ist das Festival-Survival-Kit?! Trotz leichtem Kater steht das Team schon um 11 Uhr wieder auf der Matte. Beim Diskussionspanel „Commons“ im Import Export geht es um das Thema „Wie wollen wir zusammen leben?“. Mit dieser Frage im Kopf gehen viele direkt im Anschluss an die Wahlurne. Es ist Europawahltag.
Die Stimmung am Kreativquartier ist heute ganz entspannt. Die meisten Produktionen sind abgespielt und die ProduktionsbetreuerInnen können einfach mal die Füße hochlegen und beim Festival-Chill-Out mit The Cosmic Giggle die letzten Tage revue passieren lassen. Kinder spielen am Urban DANCE Floor und mit der langsam untergehenden Sonne zieht die Wehmut ein in die Herzen des DANCE-Teams. Wie konnten elf Tage eigentlich so schnell vorbeigehen?
Mit diesem Gefühl zieht es alle in der letzten Stunde Tageslicht zum Abschluss von „Who is Frau Troffea?“. Die Stimmung ist magisch: die TänzerInnen holen nochmal alles aus sich heraus und das Publikum mischt sich unter die Tanzenden. Auch künstlerische Leiterin Nina in ihrem sattgelben Rock tanzt ausgelassen mit. Und dann ist es soweit: die letzte Minute bricht an. Social-Media-Beauftragter Sarah blitzt eine Träne im Auge, als sie die letzten Sekunden mit dem Handy festhält. Um Punkt 21 Uhr und fallen die TänzerInnen jubelnd auf die Knie. Das war DANCE 2019! Aber der Abend ist noch nicht zu Ende: Produktionsleitung Gina und Techniker Uli haben 35 Pizzen für alle geholt. Während alle in dieser lauen Sommernacht glücklich an ihren Pizzastücken kauen, fangen einige wieder an zu tanzen. „Das ist mein schönster DANCE-Moment,“ sagt Nina, „dass es einfach nicht aufhört.“

Danach – Postfestivale Depression

Eigentlich sollte man hier aufhören zu erzählen. Die elf Tage sind vorbei und haben auf ihrem absoluten Höhepunkt geendet. Was kann jetzt noch kommen? Absolute Entlastungsdepression. Am Kreativquartier liegen die gelben DANCE-Plakate zusammengeknüllt in den Papiertonnen. Die Nicht-Münchner im Team reisen ab, die anderen arbeiten schon weiter am nächsten Projekt.
Aber wir blicken zurück: Jahre, Monate und die letzten Wochen harter Arbeit haben sich gelohnt. Der Publikumszuspruch zu DANCE ist in diesem Jahr enorm gestiegen. Die Mehrzahl der Vorstellungen war ausverkauft, an den Abendkassen wurde mit Wartelisten gearbeitet.
Dieser Abschluss-Blog entsteht. Weil wir die gute Stimmung während des Festivals vor und hinter den Kulissen mit Euch teilen wollen.
DANCE war ein wunderschöner Auftakt für unseren Sommer 2019 und wir freuen uns jetzt schon sehr auf die nächste Ausgabe.

Bis 2021, liebe TanzfreundInnen!

Euer DANCE-Team 2019

Und nun noch ein paar VIPs (Very Important Pictures)