Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Richard Siegal: "New Ocean Sea Cycle" - © Thomas Schermer

Magazin #9

Die Angst vor dem Unsichtbaren

Richard Siegal im Interview

New Ocean ist ein Stück über den sich im Schmelzen des Polareises manifestierenden Klimawandel. Die Choreographie basiert strukturell auf einem Algorithmus. Wie kann man sich Deinen Arbeitsansatz vorstellen?

Ich habe im Studio angefangen, Bewegungsmaterial mit dem Ensemble zu entwickeln. Und sieben Themenbereiche choreographiert, in denen versucht wurde, den Ballett-Kanon mit seinen Schritten eher somatisch als historisch aufzufassen. Der Grundgedanke war, uns auf die gleiche Ebene zu stellen wie die Umwelt. Wir begannen, in unseren Körpern wieder den physikalischen Gesetzmäßigkeiten eines Newton nachzuspüren, die ja am Werk sind, wenn wir uns bewegen. Wir kultivierten ein Bewusstsein unseres Körpers als Material, das derselben Erdanziehungskraft ausgesetzt ist wie alle anderen Gegenstände, machten uns aber auch die Anstrengung bewusst, die unserem Körper abgefordert wird, wenn wir uns innerhalb dieser Kräfte bewegen. Um unsere Beziehung zur Erde noch deutlicher zu fühlen, mussten wir vor allem an der Beherrschung unnötiger Spannungen arbeiten: eine Art Anti-Anstrengung, ein Nicht-Arbeiten als Willensakt.

Diese sieben Themen wurden dann durch von mir vorgeschlagene physische Puzzles umgewandelt: Problemräume, die jedes Ensemblemitglied auf seine ganz eigene Weise löst und durch die wir das thematische Material exponentiell erweitert haben. Aus dieser ersten Probenphase ging dann ein umfassender Katalog mit 143 Bewegungen hervor.

Die nächste Phase war dann die Auswahl aus dem Katalog. Dazu entwickelte ich mit dem Beleuchtungstechniker Matthias Singer zwei mathematische Algorithmen: der eine ergab sich aus Daten zur Ausdehnung der 13 Regionen der Kryosphäre, also dem saisonal bedingten Zu- und Abnahme der (Nord-)Polarmeere. Sie sind der wissenschaftliche Beweis für den dramatischen Trend zum Abschmelzen der Polkappen. Der zweite Algorithmus besteht aus im selben Zeitraum gesammelten statistischen Daten, die belegen, dass die Öffentlichkeit geologischen Daten verstärkt Glauben schenkt. Zusammen mit dem Katalog ergaben diese Algorithmen insgesamt 143 Bewegungen aus dem Eis jedes der 13 Polarmeere, wodurch die Daten effektiv visualisiert wurden und eine Schnittstelle zwischen unseren Körpern und der Klimakatastrophe entstand.

Außerdem ist dies nach „UNITXT“ (für das Bayerische Staatsballett) Dein zweites Stück, das sich auf Merce Cunningham bezieht. Was fasziniert Dich so an ihm, und inwiefern ist er auch in New Ocean „gegenwärtig“?

Cunninghams Arbeit hat meine künstlerische Entwicklung entscheidend geprägt. Als ich sein Ensemble erstmals live im New York City Center sah (das muss so ca. 1991 gewesen sein), war ich zutiefst bewegt. Beim nächsten Auftritt des Ensembles in der Folgesaison war ich dann ebenso überrascht wie schockiert. Es war, als hätte das Werk in den vergangenen Monaten in meinem Inneren einen Reifeprozess erfahren. Ich begriff, dass dieser Tanz an mich als Zuschauerin keine anderen Erwartungen stellte, als dass ich im selben Raum aufhalte. Er verlangte keine Entschlüsselung oder objektive Interpretation von mir. Es gab keine Wahrheit oder Botschaft außer dem, was sich gerade vor mir abspielte. Die Präsenz des Choreographen war noch weniger spürbar, der Tanz wirkte fast wie ein Naturphänomen, so wie man zusehen kann, wie Grashalme in die Höhe wachsen oder Pollen Wolken bildet. Hier wirken Naturgesetze, die sich in ihrer Komplexität zwar unserem Verständnis entziehen, nicht jedoch der Feststellung der Tatsache, dass hier Schönes geschieht.

Anders ausgedrückt: die Aufführung fand zwar auf der Bühne statt, leistete dem Rahmen, den die Bühne ihr verlieh, aber auch einen gewissen Widerstand. Sie bedurfte gar nicht der Architektur eines Opernhauses, die ja darauf ausgerichtet ist, unsere Wahrnehmung durch Ausblenden von Zufallsreizen wie Licht, Klang, Temperatur zu schärfen. Dieser Tanz verlangte nicht unbedingt nach einer idealen Betrachtungsperspektive. So war es dann auch bei Cunninghams Ocean, das ich ein paar Jahre später im Lincoln Center in einer Freiluft- und Rundtheateraufführung erleben durfte.

Cunningham wäre 2019 100 Jahre alt geworden – New Ocean ist eine Hommage an ihn.

Beide Werke fließen in mehreren Hinsichten zusammen. Die Algorithmen in New Ocean beispielsweise, durch die das Vokabular und die Struktur der Aufführung überwiegend bestimmt werden, gehen direkt auf das Zufallsprinzip zurück, nach dem Cunningham seine Choreographien schuf. In beiden Fällen jedoch entsteht dadurch ein Abstand zwischen Künstler und Werk, weil subjektive Entscheidungen einem mathematischen System untergeordnet werden. Poetischer ausgedrückt: die Daten der Algorithmen, die jede Performance von New Ocean bestimmen, werden ihrerseits von den 26 Jahren bestimmt, die zwischen der Premiere von Ocean und der von New Ocean liegen.  

Für Dich besteht offenbar ein starker Zusammenhang zwischen der Klimakrise und der Corona-Pandemie. Als Reaktion darauf entstand Deine Tanz-Installation New Ocean Sea Cycle. Auf welchem Schlüsselkonzept basiert der Zyklus?

New Ocean Sea Cycle ist ganz einfach ein Ballett, das unter den Rahmenbedingungen entstand, die wir uns zum Schutz vor Corona auferlegt haben. Der Zyklus ist eine Abwandlung von New Ocean, einer Performance, die ebenfalls von der Angst vor dem Unsichtbaren geprägt ist. Anders gesagt: beide Werke messen unseren Glauben an das, was wir aus dem Unsichtbaren schließen. Bei New Ocean steht die Angst vor der globalen Erwärmung im Mittelpunkt. Beim New Ocean Sea Cycle hingegen definiert die Angst vor einem winzigen Virus die Form der Performance. Vor allem aber: New Ocean Sea Cycle zeigte allein durch sein bloßes Stattfinden auf, in welcher Zwickmühle wir uns befinden, weil das Publikum zuvor die Entscheidung treffen muss, ob es sie sich damit wohlfühlt, sich für die Aufführung in Gesellschaft anderer zu begeben.

Schon seltsam: in New Ocean werden Regeln vorweggenommen, an die wir uns mittlerweile leider gewöhnt haben. Im Lauf der Performance gibt es weder Berührungen noch Augenkontakt, und es steht dem Ensemble auch frei, den Abstand zueinander zu bestimmen. So soll gewährleistet werden, dass jedes Ensemblemitglied seinem Körpergefühl beim Tanz maximalen Raum gibt. Diese Isolation voneinander schuf das Bild einer in Atome aufgespaltenen Gesellschaft – und entspricht der Erfahrung, die wir mit Social Distancing machen. In gewisser Weise war die Aufführung von New Ocean sechs Monate vor Ausbruch der Pandemie eine sichere Angelegenheit – zumindest für das Ensemble. Theater besteht aber sozusagen aus drei „Populationen“: Dem Ensemble, dem Publikum und dem Backstage-Team, also z.B. den Technikern. Der New Ocean Sea Cycle unterscheidet sich stark von New Ocean: hier nämlich können Zuschauer und Ensemble gleichermaßen „die Dichte regulieren“. Anstatt durch Verkürzung der Aufführungszeit und Zusammenpferchen des Publikums eine möglichst große Anzahl von Zuschauern anzustreben, verstreut der New Ocean Sea Cycle das Publikum sowohl physisch, dehnt aber auch die Aufführungsdauer aus (bis das Ensemble den gesamten, 13 Meere umfassenden Zyklus getanzt hat, vergehen etwa 13 Stunden). Das Publikum strömt in sicherer Zahl aus dem und in den Zuschauerraum und spiegelt so die kollektive Organisation des Ensembles wider.


"New Ocean Sea Cycle: Pinakothek Ed. 1 /14 – Baffin" erlebte am 16. Mai um 20 Uhr im Rahmen von DANCE seine Weltpremiere. Der Film von Nightfrog unter der Regie von Benedict Mirow aus der Pinakothek der Moderne anlässlich des Rotundenprojekts der Sammlung Moderne Kunst: ANISH KAPOOR – HOWL wurde auf ARTE CONCERT und BR-Klassik Concert übertragen und ist in der arte Mediathek weiterhin verfügbar.
Die Website https://newoceanseacycle.com wurde für die Premiere von Richard Siegal / Ballet of Difference gestaltet und eingerichtet. Dort wird die Performance buchstäblich in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse einbettet, aus denen sie entstanden ist.

 

Das Interview wurde von Katja Schneider geführt.