Ceren Oran in "Who is Frau Troffea?" © Dieter Hartwig

Ceren Oran in "Who is Frau Troffea?" © Dieter Hartwig

"Who is Frau Troffea?" © Dieter Hartwig

"Who is Frau Troffea?" © Dieter Hartwig

Magazine #5 - "The Urge"

Der Drang zu tanzen!

Ceren Oran über die Uraufführung von "The Urge"

Der Drang („the urge“) zu tanzen und auch im Lockdown sichtbar zu bleiben, fand ein Ventil in den sozialen Medien. Menschen tanzten in ihrem privaten Umfeld, zwischen Bett und Schrank, in ihrer Küche oder auf dem Balkon. Die Münchner Choreografin Ceren Oran entwickelt aus solchen Funden ihr neuestes Projekt "The Urge" Das Bewegungsmaterial aus dem Netz übersetzt sie für ein Kollektiv und in den öffentlichen Raum. Getanzt wird simultan in München, Berlin und Köln, und es wird live gestreamt.
 

Dein Stück "The Urge" wird beim DANCE Festival Premiere feiern. Worum geht es in Deinem Stück und was war Dein Ausgangspunkt?

Ich glaube, es gibt sehr viele konzeptuelle Ebenen hinter "The Urge". Als die Pandemie im Februar begann und sich beschleunigte, wurde mir klar, dass es viele unterschiedliche Ideen und Überzeugungen rund um das Virus gab, weil man noch nicht viel darüber wusste. Obwohl alle von dieser globalen Krise betroffen waren, hatte jede*r eine andere Herangehensweise und eine andere Sichtweise auf das Virus. Manche Leute waren sehr besorgt, andere glaubten nicht daran, als sei es eine Religion und kein wissenschaftlicher Fakt, manche genossen die Folgen des Lockdowns, andere folgten Verschwörungstheorien, wiederum andere ignorierten es und so weiter…

Deshalb soll "The Urge" das Verhalten jeder*s Einzelnen während einer kollektiven Krise genauer betrachten. Ich möchte die Beziehung zwischen kollektivem Trauma und individuellem Umgang damit in choreografische Bilder transformieren.

Eine weitere wichtige Ebene des Stückes ist für mich, dass ich bei der Choreografie von "The Urge" von improvisierten Tanzvideos ausgehe, die während des Lockdowns überall auf der Welt in den sozialen Medien gepostet wurden. Diese entstanden in sehr begrenzten Räumlichkeiten, z. B. in Schlafzimmern, auf  Balkonen oder in der Küche, dort, wo Bewegung und Tanz existieren konnten. Ich glaube, dass viele dieser Videos als Ausdruck des Drangs zu tanzen produziert wurden. Ich bin gerade in Kontakt mit vielen dieser Tänzer*innen, um ihre Erlaubnis einzuholen, ihre Videos und ihr choreografisches Material verwenden zu dürfen. Ich freue mich sehr darauf, diese Improvisationen mit "The Urge" auf öffentliche Plätze zu bringen, ihnen größeren Raum zu bieten, die Bewegungen weiterzuverarbeiten und zu befreien.
 

Wann hast du das letzte Mal den Drang verspürt zu tanzen ?

Ich weiß nicht, ob ich das Gefühl von Drang nur auf das Tanzen beschränken kann. Weil ich für mich selbst tanzen kann, wenn ich die Notwendigkeit dazu fühle oder mich nach der Freude daran sehne. Aber ich fühle den Drang zu tanzen als eine Form des Sozialisierens, ich möchte mich durch meinen Körper und die Bewegung ausdrücken und das mit einem Publikum teilen.

Also wenn ich die Frage aus dieser Perspektive beantworte: seit Monaten, jeden Tag…
 

Wie hast du das Casting für Dein Stück während der Pandemie gemacht? Woher kommen Deine Tänzer*innen?

Die Auditions waren ein intensiver Prozess. Normalerweise bin ich keine Choreografin, die mit Auditions castet, aber bei „The Urge" habe ich aufgrund der pandemischen Bedingungen einen Open Call durchgeführt. Es gab über 500 Bewerbungen und es war eine riesige Herausforderung, die alle durchzuarbeiten. Einerseits war es sehr inspirierend, so viele großartige Tänzer*innen zu sehen, andererseits macht die Anzahl an Tänzer*innen, die nach einem Job sucht, auch traurig.

Ich bin überzeugt, dass eine Audition ein gegenseitiger Auswahlprozess sein sollte. Nicht nur die*der Choreograf*in wählt die Tänzer*innen aus, sondern die Tänzer*innen sollten auch die*den Choreograf*in und das Projekt auswählen, damit der kreative Prozess angenehm und eine inspirierende Reise für alle wird. Nachdem ich die Bewerbungen auf 50 eingegrenzt hatte, habe ich ein Zoom-Meeting organisiert, in dem ich meinen Plan erklärt und meine Erwartungen geteilt habe - also war dieses Online-Meeting meine erste Audition für die Tänzer*innen. Und am Ende, nach eine speziellen Aufgabenstellung, habe ich zusammen mit Maayan Reiter, Rotem Weismann und Karolina Hejno 15 Personen ausgewählt, die in Berlin, Köln und München während der Pandemie tanzen werden.

Obwohl alle in Deutschland leben, kommen wir von überall her: Japan, Finnland, Deutschland, Israel, Korea, Tschechien, Frankreich, Türkei und aus vielen weiteren Ländern. Und wir sind ein großes Team von nicht nur 15 Tänzer*innen, sondern auch 4 Musiker*innen, 14 Teammitgliedern in der Produktion und mir.
 

In der Pandemie sind Vorstellungen außerhalb der Theater wichtiger geworden. Du bist schon viel an öffentlichen Orten aufgetreten, lange bevor die Pandemie angefangen hat. Was bedeutet es für dich, draußen, z. B. auf öffentlichen Plätzen zu tanzen?

Ich glaube an die faszinierende, ansteckende und inspirierende Kraft von Tanz. Früher habe ich nach Möglichkeiten gesucht, mich von konventionellen Räumen und Bühnen zu entfernen, um ein breiteres Publikum für meine Choreografien zu finden. Die Idee von „Who is Frau Troffea?" war ein Ergebnis dieser Suche. Nach dieser Erfahrung bedeutet für mich ein Auftritt im öffentlicher Raum, Tanz zugänglich zu machen, Risiken einzugehen und durch das Unerwartete in Kontakt mit einem Alltags-Publikum zu treten, anstatt es nur einer begrenzten Elite anzubieten - es bedeutet, uns einem weiteren Spektrum an ehrlichem Feedback auszusetzen.
 

"The Urge" wird gleichzeitig in drei Städten performt und gestreamt. Was ist die Idee dahinter?

Die Idee ist, das Gefühl von "Kollektivität" zu erweitern - dass es nicht nur uns allein hier passiert, sondern vielen anderen an unterschiedlichen Orten auch. Die grundsätzliche Choreografie bleibt in jeder Stadt gleich, und trotzdem werden die Aktionen durch die verschiedenen öffentlichen Räume unterschiedlich sein. Und natürlich kreiert das Element des Livestreams eine Ebene der Digitalisierung, die sich unbestreitbar in den letzten Monaten in unser Leben gedrängt hat.


Was träumst Du als erstes zu tun, sobald die Einschränkungen durch die Pandemie enden?

Ich habe Probleme damit, an so einen Moment zu glauben. Das Ende der Pandemie wird ein sehr langsamer Übergang sein, den wir erleben werden. Und dieser Übergang wird uns verändern, uns traumatisieren. Aber ich glaube, ich werden den Drang danach verspüren, Leute zu umarmen, genauso wie ich den Drang danach habe zu tanzen. Ich glaube, ich würde rausgehen und Leute blind umarmen.