Sahra Huby in "Über die Wut" - © Anna Konjetzky

Sahra Huby in "Über die Wut" - © Anna Konjetzky

Magazin #6

Schrei nach Veränderung!

Einblick in Anna Konjetzkys neue Produktion "Über die Wut"
 

 

Was hat Dich inspiriert, ein Stück über das Thema Wut zu machen?

Wut ist eine Emotion, die gesellschaftlich sehr präsent ist, es wird in der Soziologie auch davon gesprochen, dass wir im Zeitalter der Wut leben. Mich interessiert die Doppelung von gesellschaftlicher und körperlicher Auseinandersetzung: Zum einen eben genau der gesellschafts-politische Zusammenhang, das Potential von Wut, die ja auch ein Schrei nach Veränderung ist. Ich denke wir leben in einer Zeit des Umbruchs, der ja auch dringend notwendig ist. Wut kann auch als Werkzeug funktionieren, um aufzuzeigen, wo z.B. Ungerechtigkeit oder Unterdrückung herrschen. Gleichzeitig gibt es gesellschaftlich aber auch einen Mechanismus, z.B. Wut als Schuldzuweisung rauszulassen, im Zweifelsfall völlig willkürlich, als Ventil.

Und neben dem gesellschaftlichen Aspekt ist der körperliche und choreographische Aspekt sehr spannend. Wut ist eine sehr körperliche Emotion, ein starker Motor mit einer wahnsinnigen (produktiven wie destruktiven) Kraft und auch durchaus einer Komik. Wut agiert sehr präzise in und auf einzelnen Körperteilen und Muskeln, was eine extrem spannende choreografische Auseinandersetzung ist.


Haben die Entwicklungen des letzten Jahres die Herangehensweise an dein Stück geändert?

Die Pandemie hatte vor allem zur Folge, dass wir viel früher zu arbeiten begonnen haben, wir (Sahra Huby und ich) haben einfach losgelegt, als letzten Frühling alles stillstand. Und es hat zur Folge, dass die Probenkoordination mit dem kompletten Team, sehr viel chaotischer ist, und sich dauernd den Gegebenheiten oder einem Verdachtsfall – z.B in der Kita eines Kinders der Künstler*innen – anpassen muss. Dadurch, dass das Stück von vorneherein als Solo und als Bühnenstück geplant war, mussten wir jedoch glücklicherweise szenisch und räumlich keine neuen Herangehensweisen suchen.


Was macht dich persönlich in diesen Corona-Zeiten wütend?

Ich weiß gar nicht, ob mich etwas richtig wütend macht, hauptsächlich deprimiert und frustriert mich einiges, oder mich machen Dinge traurig und unsicher. Aber vor allem empfinde ich es als eine anstrengende Zeit. Anstrengung und Erschöpfung sind für mich persönlich die präsentesten Zustände in dieser Zeit. Aber natürlich gesellt sich da auch immer Wut dazu, Wut darüber, dass Kunst und Kultur nur einen periphären Platz einnehmen und nicht als gesellschaftliche Forschung gesehen werden (was es doch ist, und was dringend gebraucht wird). Wut darüber, dass die Pandemie einen Konservatismus stärkt, einen Fokus auf traditionelle und christliche Kleinfamilien, in denen Frauen die Haupt-Care-Arbeit leisten müssen (und in diesem Bild werden alle anderen Beziehungs-, Familien-, Lebens- und Glaubensmodelle ziemlich ignoriert. Wut auch darüber, dass von einer globalen Pandemie die Rede ist, Impfdosen, aber vor allem in den reichen Industrieländern ankommen, und Grenzen und Visas auch vor allem für diese geöffnet und geschlossen werden. Jetzt könnte ich die Wutliste doch noch endlos weiterführen...


„Über die Wut“ ist ein Solo für Sahra Huby, mit der du schon seit 15 Jahren zusammenarbeitest. Wie setzt man sich solistisch mit dem Thema auseinander und wie arbeitet ihr gerade daran?

Sahra und ich sind ja so etwas wie Artist-Twins, von daher ist das kein Zufall, dass ich ein Solo für sie mache (und nicht das erste). Für die Auseinandersetzung mit Wut und die Analyse wollte ich unbedingt ein Solo machen, um nicht Gefahr zu laufen, die Wut zwischen den Darsteller*innen darzustellen, sondern wirklich die gesellschaftliche Wut thematisieren zu können. Der Kontext ergibt sich in dieser Arbeit neben der Choreographie oft über die Videos und die Texte und Stimmen, die zu Wort kommen. Es ist eine sehr schöne Zusammenarbeit mit einem recht coolen Team, wie ich finde. Brendan Dougherthy, mit dem ich bereits mehrmals gearbeitet habe, hat die Musik für das Stück komponiert, beim Video bin ich extrem glücklich, zum ersten Mal mit Susanne Steinmassl zusammenzuarbeiten, für Kostüm zeichnen Michiel Keuper und Martin Sieweke verantwortlich, Barbara Westernach macht das Licht und mit mir zusammen die Bühne. Insofern sind Sahra und ich in bester Gesellschaft.