Rita Sacchetto, Siamesische Tanzfantasie, Foto: Franz Grainer, München, Fotopostkarte, Bibliothek Betz

Rita Sacchetto, Siamesische Tanzfantasie, Foto: Franz Grainer, München, Fotopostkarte, Bibliothek Betz

Magdeleine G. - aus Schur "Der Moderne Tanz", 1910

Magdeleine G. - aus Schur "Der Moderne Tanz", 1910

Maud Allan - Fotopostkarte, Sammlung B. Ochaim

Maud Allan - Fotopostkarte, Sammlung B. Ochaim

DANCE History Tour in der Villa Stuck

DANCE History Tour in der Villa Stuck

Digitale DANCE History Tour

Zu Ereignissen und Orten der Münchner Tanzgeschichte (1900–1919) - Teil II - gewidmet Colleen Scott

Mit großem Erfolg startete die DANCE History Tour beim Festival 2019 zu wichtigen Schauplätzen des modernen Tanzes in München. Hier debütierte Mary Wigman, die Ikone des deutschen Ausdruckstanzes, im Porcia-Palais an der Prannerstraße. Rudolf von Laban, einflussreichster Theoretiker des neuen, „freien“ Tanzes, gründete hier seine erste Schule. Alexander Sacharoff, der erste „moderne“ Tänzer, arbeitete mit Wassily Kandinsky in Schwabing an der Idee des Gesamtkunstwerks. Für DANCE 2021 haben die Choreografin und Tanzhistorikerin Brygida Ochaim und Thomas Betz, Redakteur des Münchner Feuilleton, die beliebte Tour neu aufgelegt und um künstlerische Interventionen und Archivpräsentationen erweitert. Eine spannende Stadttour zwischen Isarhochufer und Lenbachhaus.

Der neue Tanz revolutionierte die aus dem Ballett bekannte Ästhetik und versetzte die gesellschaftlichen Ideale der Lebensreform in Bewegung. Wie das avantgardistische Theater und die Literatur der Zeit stand auch der moderne Tanz seit seinem Erscheinen Anfang 1900 unter moralischer und polizeilicher Beobachtung. Selbst die arrivierten Künstler waren skeptisch: Die nackten Beine der Isadora Duncan und ihr frei sich bewegender, nicht von einem Korsett umspannter Oberkörper mussten erst vom Malerfürsten Franz von Stuck inspiziert werden, bevor die amerikanische Tänzerin und Choreografin im Künstlerhaus am Lenbachplatz zu ihrem dann bejubelten Gastspiel im Jahr 1902 antreten durfte. Andere wie Maud Allan konnten nur in geschlossener Gesellschaft auftreten, um der Zensur zu entgehen – für ihr Stück The Vision of Salome, die sich Schleier um Schleier entledigte, musste im Schauspielhaus eine private Veranstaltung organisiert werden. Und die als Nackttänzerin berüchtigte Französin Adorée Villany wurde in der Pause aus der Garderobe im Lustspielhaus, dem Vorläufer der Münchner Kammerspiele, heraus verhaftet.

München war aber nicht nur ein Ort wichtiger und bahnbrechender Gastspiele, sondern auch die Geburtsstätte des modernen Tanzes. Hier entwickelte sich die erste freie Szene dieser neuen Kunst. Während Clotilde von Derp 1910 an ihrem Debüt als erste deutsche Ausdruckstänzerin feilte, arbeitete in der Schwabinger Nachbarschaft der Tänzer Alexander Sacharoff mit dem Komponisten Thomas von Hartmann und den Maler*innen Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin an der Synthese der Künste, der Idee des „Blauen Reiter“. Wenig später finden sich Derp und Sacharoff als weltweit gefeiertes Tanzpaar zusammen. Ab 1910 ist Rudolf von Laban in der Stadt, Wigman folgt ihm 1913. Im gleichen Jahr erscheint mit Hans Brandenburgs Der moderne Tanz in München die erste Geschichte dieser neuen Kunst.

Bei der DANCE History Tour 2021 werden Geschichten lebendig und Zusammenhänge deutlich: die tastenden Versuche und kühnen Explorationen einer neuen Kunst. Geführt von jungen Theaterwissenschaftler*innen, erradelt man sich die Strecke von der Monacensia und der Villa Stuck über das Theatermuseum, die Kammerspiele und das Porcia-Palais bis zum Lenbachhaus.

Künstlerische Demonstrationen erweitern die Tour und geben einen lebendigen Eindruck vom Tanz der frühen Moderne. Mit Prof. Dr. Claudia Jeschke und Ivan Liška, die mit dem Bayerischen Junior Ballett München Tänze der Sacharoffs re-enacten, sowie Tänzer*innen der Münchner Elizabeth Duncan-Schule.

Eine Ausstellung mit Filmen und Fotografien zur frühen Münchner Tanzgeschichte wird ab dem 6. Mai in den Schaufenstern des Deutschen Theatermuseums jederzeit zu sehen sein. 

Außerdem wird eine reich illustrierte Publikation zum Thema erscheinen: Der freie Tanz. München als Wiege moderner Bewegungskunst 1900–1919 von Brygida Ochaim und Thomas Betz erscheint beim Allitera Verlag. Die Publikation ergänzt und vertieft die Tour und legt erstmals eine Geschichte des frühen modernen Tanzes in München vor.

 

DANCE History Tour - gewidmet Colleen Scott

Colleen Scott studierte noch vor wenigen Tagen die Choreografie des Rosenwalzers im Stile Isadora Duncans für die junge Tänzerin Isabella Wagar vom Bayerischen Junior Ballett für die DANCE History Tour ein. Sie war überglücklich, den ersten Entwurf des Films im Anschluss an die Dreharbeiten in der Villa Stuck zu sehen, wie ihr Ehemann Ivan Liska, Direktor des Bayerischen Junior Balletts, mitteilte. Die große Tänzerin und Pädagogin verstarb auf tragische Weise völlig unerwartet am 9. Mai, dem Tag vor der Premiere der digitalen Tour.
Wir sind dankbar, dass sie an der Seite von Ivan Liska zu diesem wundervollen Projekt beitrug, trauern mit ihrem Lebenspartner und widmen ihr die digitale DANCE History Tour - danke, Colleen Scott!

10. – 23. Mai

Video on Demand

Kuration, Text & Recherche: Brygida Ochaim, Thomas Betz
Projektleitung: Barbara Galli
Guides: Sabrina Kanthak, Alexandra Schildhauer, N.N.

Die Dance History Tour wird im Kontext des Pilotprojekts "Lebendiges Archiv" (Konzept: Dr. Daniela Rippl) des Kulturreferats gefördert.

MonacensiaVilla StuckTheatermuseumKammerspieleLenbachhausJunior BallettHeinzl Bosl Stiftung  Duncan Schule  Theatermuseum Wien