Proben zu "Walking to Present" - © Jody Oberfelder

Proben zu "Walking to Present" - © Jody Oberfelder

Magazin #7

Man on the Ground

Walking to Present der amerikanischen Choreografin und Filmemacherin Jody Oberfelder ist ein Auftragswerk für DANCE 2021. Es steht in der Tradition der sogenannten "Walking Pieces", der Interventionen in den Strom der Passant*innen und Provokationen im Stadtraum.

Jody Oberfelder zu den Online-Proben in New York und anderen Schauplätzen weltweit von Walking to Present und der Arbeit mit ihrem „Man on the Ground“, dem Dramaturgen Peter Sampel (München)

Eine immersive, verkörperte Spazier-Performance. Wie soll man sie verstehen? Als Schatzsuche? Und was bedeutet Walking to Present überhaupt? Wie kann man dem Publikum eine totale Erfahrung mit Blick auf Ort und Zeit vermitteln? Wie können wir Verbindung zur Geschichte aufnehmen, uns durch sie und unser Leben hindurchbewegen? Wie kann man ohne Körper einen Spaziergang an einem bestimmten Ort unternehmen?

Mitten in einer Pandemie an einem standortgebundenen Stück zu arbeiten, war surreal und hyperreal zugleich. Ohne unseren „Man on the Ground“ in München hätten wir Walking to Present gar nicht machen können.

Peter war unser Körper. Über Zoom nimmt Peter mich bei Eiseskälte mit auf einen Spaziergang, schwenkt sein Handy, damit ich mich umsehen kann. „Soll ich jetzt links oder rechts lang?“ Das Kopfsteinpflaster macht mich neugierig, also sage ich „rechts“, und los ging unsere Reise. „Was ist das da? Zeig mir, was unter deinen Füßen ist.“ Das tut Peter dann auch und ich mache einen Satz nach oben – freilich nur metaphorisch. (Ge-)Schichten, die ihre eigenen Spuren hinterlassen. Nach und nach tuen sich Möglichkeiten auf, die Performance zu gestalten, regen die Komposition von möglichem physischem Material, Text und Aufforderungen zu interaktivem Handeln an. Als unser „Man on the Ground“ uns die Gegebenheiten vor Ort zeigte, kehren sich die Rollen um: ich wurde die Erfahrende, er übernahm die Führung. So wie Peter gleichzeitig die Rolle des Dramaturgen und eines symbolischen Zuschauers übernahm, tat auch ich beides: Eindrücke aufnehmen und schaffen.

Es ist lange her, seitdem „normale“ Proben abgehalten wurden und Menschen sich tagtäglich begegneten. Zoom machte es aber möglich, einen grandiosen Cast aus USA, Spanien, Paris und Großbritannien zusammenzustellen. Unser „Man on the Ground“ in Deutschland war Aufführender und Verkörperung eines Stückes, das auf wundersame Weise ferngesteuert wurde. Wie kann man hier und doch dort sein? Dort und doch hier? Wie schafft man über Zoom das Gefühl von Lebendigkeit? Wie lange soll man bei einer Idee verweilen, welchen weiteren Weg (buchstäblich) einschlagen? Wo geht‘s lang?

Nach unserer Ankunft in München bleiben uns vor der Aufführung noch drei Tage. Vor Ort gibt es freilich viel zu entdecken – doch irgendwie waren wir schon immer dort.

Die Menschen sehnen sich nach Live-Erfahrungen, die das Bauchgefühl ansprechen. Das gilt natürlich auch für alle Künstler*innen. Die Sehnsucht nach dem Realen. Und doch: auch virtuelle Präsenz ist Präsenz. Dank unseres „Man on the Ground“ in München, der uns half, uns die Wirklichkeit vorzustellen.