DANCE 2021

Die Geschichte des DANCE-Festivals, zur Ausgabe Nr. 17 

DANCE M​agazin Cover    ​

Obwohl Nina Hümpel das Festival bereits zum fünften Mal kuratierte, war die 17. Ausgabe von DANCE in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Ausgebremst von der dritten Welle der Corona-Pandemie und nach monatelangem Planen verschiedener, an die Situation angepasster Szenarios wurden zehn Tage vor der Festivaleröffnung auch noch die letzten Live-Programmpunkte abgesagt. Anstatt es aber – wie viele andere Festivals zu dieser Zeit –vollkommen abzusagen oder zu verschieben, wurde innerhalb kürzester Zeit aus DANCE 2021 ein ausschließlich digitales Festival mit vielen neuen Formaten: und das mit großem Erfolg. Eva-Elisabeth Fischer, Rita Argauer und Sabine Leucht beschreiben DANCE 2021 in der Süddeutschen Zeitung als „die bisher rundeste, die spannendste [Ausgabe]“, die Nina Hümpel kuratiert hat.

Letztlich waren es nur wenige Veranstaltungen, für die es pandemiebedingt keine alternativen Programmpunkte geben konnte. Die Uraufführung des Walking Pieces Walking to Present von Jody Oberfelder und ihr Outdoor-Stück Life Traveler wurden auf DANCE 2023 verschoben, ebenso die Uraufführung der installativen Performance Trans Corporal Formations von Tobias Staab. Fäden von Ivana Müller mit dem Dance On Ensemble feierte ein halbes Jahr nach DANCE, im November 2021, an den Münchner Kammerspielen Premiere.

Außer diesem Aufschub der Premieren wurden bei DANCE 2021 für alle weiteren geplanten Programmpunkte innerhalb kürzester Zeit alternative digitale Formate gefunden: von Live-Streams der Uraufführungen und Gastspiele über Videofassungen, Filme und abendfüllende Live-Gespräche mit den Protagonist*innen des Festivals bis hin zu einem digitalen Symposium und sogar einer Arte TV Produktion. Ergänzt und gerahmt wurden fast alle Programmpunkte mit Artist Talks, die live aus dem Festivalzentrum, einem professionell installierten Sendestudio, in der Muffathalle gestreamt wurden.

Mit einem der größten Highlights des Festivals bestach das Dance On Ensemble mit Jan Martens‘ any attempt will end in crushed bodies and shattered bones, das zur Eröffnung des Festivals live aus der Stadtschouwburg Brügge gestreamt wurde. Eine große Kompanie mit 17 Tänzer*innen zwischen 16 und 69 Jahren begeisterte durch ihre energetische Interpretation politischen Aufbegehrens. Nach Martens folgte Richard Siegals Two for the Show – All for One and One for the Money (Extended Choreographer’s Cut). Die hybrid-digitale Performance, die eine Weiterentwicklung seines bereits im April uraufgeführten Projekts darstellt, changiert zwischen virtuosem Tanz, Gaming, Ted-Talks und Partizipation.

DANCE 2021 verband eine weitgreifende Kooperation mit den Münchner Kammerspielen, mit denen das Festival gleich fünf Produktionen realisierte. Das renommierte Dance On Ensemble mit Tänzer*innen über 40 zeigte in diesem Zuge die Videofassung von Works in Silence, in der Ty Boomershine, der künstlerische Leiter der Kompanie, Arbeiten von Lucinda Childs aus den 1970er-Jahren zusammenstellte. Am Abschlusswochenende folgte der Live-Stream des Doppelabends Elephant / You Should Have Seen Me Dancing Waltz von Rabih Mroué, der Themen der Isolation, Einsamkeit, politischen Gewalt und Zerstörung verhandelt, die der libanesische Theatermacher mit dem Dance On Ensemble entwickelt hatte. Digitale Uraufführungen feierten der burkinische Künstler Serge Aimé Coulibaly mit FITRY, einer Reflektion über sein politisches Engagement, und die Münchner Choreografin Anna Konjetzky mit Über die Wut, das die Emotion Wut als individuelles Gefühl und als einen von gesellschaftlichen Strukturen produzierten Zustand erforscht.

Das israelische Duo Niv Sheinfeld und Oren Laor wollte ursprünglich drei Produktionen bei DANCE 2021 zeigen. Pandemiebedingt wurde aus ihrem „Marschier-Stück“ Big Mouth mit Keren Levi ein Live-Stream aus dem schwere reiter. Ausgehend von ihrem legendären Two Room Apartment und dessen Weiterentwicklung The Third Danceproduzierten Sheinfeld & Laor gemeinsam mit der Journalistin Elisabeth Nehring und der künstlerischen Leiterin Nina Hümpel eine Lecture-Performance mit Gesprächen und Tanzausschnitten, die am Abschlusstag live aus der Muffathalle gestreamt wurde.

Ein explizit pandemie-inspiriertes Projekt realisierte die Münchner Choreografin Ceren Oran. Zeitgleich, zum selben Score vertanzten Ensembles in Berlin, Köln und München verschiedene im Lockdown entstandene Bewegungsrepertoires, die simultan auf die Bildschirme der „Festivalbesucher*innen“ gestreamt wurden.

Die größte physische Entfernung von München markierte der Video-Stream von North Korea Dance der südkoreanischen Choreografin Eun-Me Ahn, das nordkoreanische Volkstänze verarbeitet und die Sehnsucht nach einer Einheit Nord- und Südkoreas äußert. 

Statt den ursprünglich geplanten Goldberg Variations präsentierte DANCE die Filme Mitten, Hoppla! und Rain über die Arbeit von Anne Teresa de Keersmaeker. Katja Schneider rahmte Raimund Hoghes Film Die Jugend ist im Kopf mit einer Einführung und Emanuel Gat sprach über sein Stück LOVETRAIN2020 und seine tanzpädagogische Arbeit in einem Live-Interview.

In seiner Arbeit NEW OCEAN integriert Siegal einen skulpturalen Ansatz tanzender Körper gemeinsam mit ökologischen Fragestellungen zur globalen Erwärmung in ein mathematisches Choreografie-System. Die geplanten Vorstellungen im Prinzregententheater fielen pandemiebedingt aus. Das „Ersatzprogramm“ dafür hatte es in sich. Was normalerweise Monate oder gar Jahre dauert, wurde bei DANCE mit kürzester Vorbereitungszeit schlussendlich in einer guten Woche umgesetzt. Das Ballet of Difference von Richard Siegal am Schauspiel Köln produzierte mit New Ocean Sea Cycle: Pinakothek Ed. 1/14 – Baffin unter der Regie von Benedict Mirow eine Arte TV-Produktion, die zum Abschluss des Festivals als Video-Stream aus der Pinakothek der Moderne anlässlich des Rotundenprojekts der Sammlung Moderne Kunst: ANISH KAPOOR – HOWL live gestreamt wurde. Nicht nur sie, aber gerade diese „schnell geschossene“ Produktion steht exemplarisch dafür, wie nach der pandemiebedingten sogenannten Notbremse der Bundesregierung im freien Produzieren eines kleinen Festivalteams Projekte und Produktionsweisen erprobt und umgesetzt werden konnten, die Maßstäbe für zukünftige digitale, hybride oder auch Live-Festivals setzen.

Große Erfolge feierte das digitale Symposium Articulate! Activate! Protest! An drei Tagen reflektierten Wissenschaftler*innen mit Vorträgen und Gesprächen sowie Künstler*innen mit Interventionen vor vielen digital zugeschalteten Teilnehmer*innen zu politischer Artikulation in Tanz und Literatur.

Die DANCE History Tour, die 2019 als Fahrradtour zur frühen Münchner Tanzmoderne so große Beliebtheit genossen hatte, wurde 2021 als digital erfahrbare Tour angeboten und mit Re-enactments in Kooperation mit der Isadora-Duncan-Schule und dem Bayerischen Junior Ballett in der Villa Stuck und im Lenbachhaus erweitert. 

Unter dem Motto More DANCE präsentierte Judith Hummel die digitale Uraufführung ihres Projekts Wo komme ich her?, das Theater HochX veranstaltete die Austauschplattform What I’m Working on für professionelle Tanzschaffende in München und der Verein TANZ.Media einen Workshop zu Podcasting als Teil der Reihe Futures of Dance Journalism.

Überschattet wurde das Festival von den Todesfällen Colleen Scotts und Raimund Hoghes. Colleen Scott hatte noch wenige Tage vor ihrem Tod an den Reenactments für die DANCE History Tour gearbeitet. Die traurige Nachricht von Raimund Hoghes Tod erreichte das Festival an dem Tag, als ursprünglich sein Stück Canzone per Ornella gezeigt werden sollte.

Dance 2021 als digitales Festival musste selbstverständlich Abstriche machen. Vor allem der Eventcharakter mit einem engen Bezug zum Publikum und zu den Münchner*innen, den Nina Hümpel zum Markenzeichen ihrer kuratorischen Arbeit gemacht hat, musste entfallen. Dennoch wurden die Produktionen, die verschiedenen Formate und das Rahmenprogramm vielseitig gelobt: „Festivalleiterin Nina Hümpel [hat] […] das Programm so angelegt, dass sich interessante Rückschlüsse zu aktuellen Aufführungen ziehen lassen dank exzellenter Beispiele aus der jüngeren Tanzgeschichte.“ (Eva Elisabeth-Fischer, Süddeutsche Zeitung)

DANCE 2021, 17. Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz des Landeshauptstadt München
Veranstalter: Kulturreferat der Landeshauptstadt München (Kulturreferent: Anton Biebl, Ansprechpartnerin: Dr. Sabine Busch-Frank)
in Zusammenarbeit mit: Spielmotor e.V.
Kooperationspartner: Access to Dance, Bayerisches Staatsballett, Gasteig München GmbH, HochX, Muffatwerk, Münchner Kammerspiele, Pinakotheken, schwere reiter, TANZ.media
Medienpartner: Münchner Feuilleton, m94.5, tanznetz.de
Partner DANCE History Tour: Bayerisches Junior Ballett München, Deutsches Theatermuseum, Elizabeth-Duncan-Schule, Lenbachhaus, Monacensia im Hildebrandhaus, Münchner Kammerspiele, Villa Stuck

Künstlerische Leitung: Nina Hümpel
Künstlerische Beratung: Dieter Buroch
Text und Dramaturgie: Prof. Dr. Katja Schneider
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Yvonne von Duehren
Assistenz Künstlerische Leitung, Presse und Dramaturgie: Peter Sampel

Streams aus den Spielorten: Muffatwerk (Muffathalle), Münchner Kammerspiele, Pinakothek der Moderne, Schauspiel Köln, schwere reiter München, Kulturzentrum Sugar Mountain München, alles unter der Leitung von Benedict Mirow (Nightfrog), sowie Stadsschouwburg Brügge und Orte im öffentlichen Raum in Berlin, Köln und München

Zeitraum: 06. bis 16. Mai 2021

Begleitprogramm: Digitale DANCE History Tour – Fahrradtour mit Re-enactments zu Personen und Orten der Münchner Tanzgeschichte (1900 – 1919), Konzept & Gestaltung: Brygida Ochaim, Thomas Betz; Produktionsleitung: Barbara Galli-Jeschek // Articulate! Activate! Protest! – Online-Symposium zur politischen Artikulation in Tanz und Literatur, Konzept / Gestaltung: Prof. Dr. Gabriele Brandstetter, Sigrid Gareis, Nina Hümpel, Dr. Fabienne Imlinger, Prof. Dr. Katja Schneider, 13. – 15. Mai // Online-Workshop: Futures of Dance Journalism (Tanz.media Tutorials), 10. – 12. Mai // What I’m Working on – Online-Austausch für professionelle Tanzschaffende in München, 11. Mai  

Von Peter Sampel